Côte d’Azur 1920–1930 – die Dekade, die den Sommer Tourismus an der Riviera erfand

 

Die Riviera als Winterkurort – und warum das niemand im Sommer wollte

Die Riviera vor den Zwanzigern – ein Winterbad für den englischen Adel

Die Côte d’Azur hatte einen Ruf, lange bevor die Amerikaner kamen. Aber es war ein anderer Ruf. Die englische Aristokratie hatte die Riviera im 19. Jahrhundert als Winterkurort entdeckt – als einen Ort, an den man fuhr, wenn London grau und feucht wurde und man sein rheumatisches Leiden in mildem Klima ausheilen wollte. Nizza, Cannes, Menton: das waren Winterstationen. Der Sommer an der Riviera galt als unerträglich heiss, staubig und gefährlich für die Gesundheit. Kein Mensch von Rang verbrachte den Sommer dort. Die Hotels schlossen von Mai bis Oktober.

Die Eisenbahn hatte die Riviera seit den 1860er Jahren erreichbar gemacht. Königin Victoria, der russische Zar, die englische Oberschicht – sie alle fuhren im Winter nach Nizza oder Cannes. Das sogenannte «Train Bleu», der Luxuszug von Paris nach Nizza, war einer der gesellschaftlich definierten Verkehrswege Europas. Aber der Sommer war leer. Die Einheimischen – Fischer, Weinbauern, Lavandelbauern – hatten die Küste für sich.

Die Franzosen und wohlhabenden Briten, die im Winter die Riviera besuchten, wären im Sommer eher gestorben, als dort gesehen zu werden. Der Ort schien ihnen zu heiss. Uns Amerikanern aber schien die Temperatur perfekt – die köstlichen Bäder, und Antibes war der kleine jungfräuliche Provinzhafen, von dem wir geträumt hatten, ihn zu entdecken.

So erinnerte sich der amerikanische Schriftsteller John Dos Passos an den Sommer 1923 – den ersten Sommer, in dem eine kleine Gruppe von Amerikanern unter der Anleitung des Ehepaares Gerald und Sara Murphy die Küste von Antibes für sich entdeckte. Es war nicht nur ein persönliches Erlebnis, sondern der Beginn einer grundlegenden Neudefinition dessen, wofür die Riviera steht.

Gerald und Sara Murphy – irisch-amerikanischer Unternehmergeist und ein Gespür für das Schöne

Die Murphys – das Paar, das den Sommer erfand

Amerikanische Expatriates – Maler – Gastgeber – Pioniere des Sommertourismus

Gerald und Sara Murphy

Gerald Murphy (1888–1964) – Sara Murphy, geb. Wiborg (1883–1975) – Paris und Cap d’Antibes, 1921–1929

Gerald Murphy war der Sohn eines irisch-amerikanischen Einwanderers, der durch die Herstellung und den Verkauf von Luxuslederaccessoires der Mark Cross Company zu beachtlichem Wohlstand gelangt war. Als Gerald und Sara Murphy im Juni 1921 mit ihren drei Kindern nach Europa segelten, hatten sie keine klare Absicht – ursprünglich war es eine Reise durch europäische Gärten für Geralds Studium der Landschaftsarchitektur. Was aus dieser Reise wurde, war etwas völlig anderes: die Begegnung mit dem Kubismus in Paris, die den Maler in Gerald Murphy weckte, und die Entdeckung der Côte d’Azur, die sein Lebenskonzept für die nächsten Jahre bestimmen sollte.

Sara war es, die den Ton setzte. Sie erschien am Strand von La Garoupe in Antibes mit langer Perlenkette über dem Badeanzug – eine Kombination, die in den Gesellschaftsregeln der Zeit einen leisen Regelbruch darstellte und die bald zum Erkennungsmerkmal des neuen Lebensgefühls der Gruppe wurde. Gerald erfand die entspannte Sommermöde der Riviera: gestreiftes Matrosenhemd, Espadrilles und gestrickte Fischermütze. Diese Kombination ist bis heute das visuelle Shorthand für den südfranzösischen Sommer.

Das Besondere an den Murphys war nicht ihr Reichtum – es gab reichere Menschen in ihrer Umgebung. Es war ihre Fähigkeit, das tägliche Leben in Kunst zu verwandeln. Gertrude Stein soll über sie gesagt haben, sie hätten «die Gabe, das Leben bezaubernd angenehm zu machen für alle, die das Glück hatten, ihre Freunde zu sein.»

Côte d’Azur heute – in den Spuren der Zwanziger reisen

Antibes – Cap d’Antibes – Hôtel du Cap – Juan-les-Pins – Nizza – Cannes

Antibes entdecken

Der erste Sommer 1923 – wie alles begann

  • Das Hotel, das im Sommer schloss: Das Hôtel du Cap in Antibes schloss nach der Wintersaison traditionell seine Pforten. Die Murphys überzeugten den Besitzer, ein paar Zimmer über den Sommer offen zu lassen
  • Picasso kommt: Pablo Picasso, mit dem die Murphys in Paris befreundet waren, schloss sich mit seiner Familie an – darunter seine erste Frau Olga Khokhlova. Es war Picassos erster Sommer in Antibes
  • Gertrude Stein folgte: Die amerikanische Schriftstellerin und Kunstsammlerin Gertrude Stein – schon damals die inoffizielle Mäzenin der amerikanischen Avantgarde in Paris – kam ebenfalls
  • John Dos Passos: Der amerikanische Schriftsteller erinnerte sich später, wie aussergewöhnlich dieser Sommer war – und wie absurd der Gedanke, dass niemand sonst die Riviera im Sommer entdeckt hatte
  • Der Strand von La Garoupe: Die Murphys begannen, den mit Tang bedeckten Strand von La Garoupe am Cap d’Antibes morgens persönlich mit Harken zu säubern – und machten ihn damit zum sozialen Zentrum ihrer Gruppe
Cap d’Antibes – La Ferme des Orangers – Salon unter freiem Himmel

Villa America – wo die Kunst auf das Leben traf

Nach dem ersten Sommer 1923 kauften die Murphys auf dem Cap d’Antibes sieben Hektar Land, auf dem eine alte Farm stand, die «La Ferme des Orangers» hiess. Sie bauten das Anwesen um, ersetzten das traditionelle Mansarddach durch eine flache Dachterrasse und tauften das Haus Villa America. Die Dachterrasse wurde zur Bühne für die legendären Partys, die Gerald und Sara Murphy gaben – mit Blick auf die Bucht, unter der Provence-Sonne, umgeben von Blauglockenblumen und Lavendel.

Villa America war kein Luxusanwesen in dem Sinne, in dem das Wort heute verwendet wird. Es war ein Ort des Lebens und des Austausches – mit zwei Kühen für die Milch der Kinder, einem Gemüsegarten, einem Koch namens Celestin und einer Atmosphäre, die das entspannte amerikanische Strandleben der Hamptons nach Südfrankreich transportierte. Fernand Léger dokumentierte die Sommer in Aquarellen. Picasso malte Sara Murphy mindestens fünfmal. Cole Porter und seine Frau Linda waren Dauergäste. Ernest Hemingway verbrachte mehrere Sommer auf dem Anwesen.

Villa America – die Gästeliste eines aussergewöhnlichen Jahrzehnts

  • F. Scott und Zelda Fitzgerald: Die Murphys waren das Vorbild für Dick und Nicole Diver in Fitzgeralds Roman «Zartes ist die Nacht» – aber die dunklen Charakterzüge der Divers ähnelten mehr den Fitzgeralds selbst
  • Pablo und Olga Picasso: Picasso malte Sara Murphy fünfmal – Léger dokumentierte die Sommer der Gruppe in Aquarellen und Ölgemälden
  • Ernest Hemingway: Verbrachte mehrere Sommer auf dem Anwesen – die Freundschaft mit den Murphys, aber auch die Rivalitäten und Spannungen der Gruppe spiegeln sich in seinen Memoiren und Briefen
  • Cole und Linda Porter: Der amerikanische Songwriter und seine britische Gattin – enge Freunde der Murphys, die das musikalische Leben der Gruppe prägten
  • Dorothy Parker: Die amerikanische Schriftstellerin und Satirikerin, für ihre messerscharfe Zunge bekannt, war regelmässiger Gast
  • Archibald MacLeish: Amerikanischer Dichter und Playwright – später Pulitzer-Preisträger und Bibliothekar des US-Kongresses
  • John Dos Passos: Amerikanischer Schriftsteller, Autor der «Manhattan Transfer»-Trilogie, enger Freund der Murphys
  • Gertrude Stein und Alice B. Toklas: Die wichtigste Netzwerkerin der amerikanischen Avantgarde in Europa
Die Gäste – eine Galerie aussergewöhnlicher Persönlichkeiten

Die Menschen dieser Jahre – eine Generation im Aufbruch

Amerikanischer Schriftsteller – «Der grosse Gatsby» – «Zartes ist die Nacht»

F. Scott und Zelda Fitzgerald

Francis Scott Fitzgerald (1896–1940) – Zelda Fitzgerald, geb. Sayre (1900–1948)

Scott Fitzgerald war 1924, im Jahr ihres ersten Aufenthalts an der Riviera, bereits durch «Der grosse Gatsby» berühmt – ein Roman, der gerade fertiggestellt wurde, als die Fitzgeralds nach Antibes kamen. Die Sommer an der Côte d’Azur, die Partys der Murphys, das Meer und die exzessive Gesellschaft der «Goldenen Zwanziger» wurden zur entscheidenden Erfahrung für seinen grossen Riviera-Roman «Zartes ist die Nacht» (Tender is the Night), der erst 1934 erschien – aber aus jenen Sommern in Antibes destilliert war.

Die Murphys dienten Fitzgerald als Vorbilder für sein Hauptpaar Dick und Nicole Diver. Gerald Murphy selbst war jedoch nie amüsiert über diese Nutzung – die dunklen Seiten der Divers, ihre Ehe und ihr Scheitern, ähnelten weit mehr den Fitzgeralds selbst als den Murphys. Zelda hatte ihre ersten Symptome psychischer Erkrankung in jenen Sommern gezeigt. Scott trank. Die Riviera war für die Fitzgeralds nicht nur ein Paradies, sondern auch der Ort, an dem ihre Ehe begann zu zerbrechen.

Spanischer Maler – Kubismus – fünf Portraits von Sara Murphy

Pablo Picasso

Pablo Ruiz Picasso (1881–1973) – Antibes und Cap d’Antibes, 1923–1929

Picasso war, als er zum ersten Mal mit den Murphys nach Antibes kam, bereits der berühmteste lebende Maler der Welt. Seine Gegenwart verlieh der Gruppe an der Côte d’Azur eine Schwere und Legitimität, die rein literarische Gesellschaften nicht gehabt hätten. Picasso liebte die Riviera, die Sonne, das Meer und die Dinnergesellschaften der Murphys. Er malte Sara Murphy mindestens fünfmal – auf ihre Perlen, ihren Blick und ihre Haltung, die er bewunderte.

Picasso blieb der Côte d’Azur verbunden. Er verbrachte nach dem Zweiten Weltkrieg mehrere Jahre in Antibes, wo das Château Grimaldi ihm ein Atelier zur Verfügung stellte – die Werke dieser Zeit füllen heute das Picasso-Museum Antibes. Die Verbindung zwischen dem Maler und der Stadt ist bis heute die wichtigste kulturelle Erbschaft der Zwanzigerjahre an der Riviera.

Amerikanischer Schriftsteller – «Fiesta» – «In einem anderen Land»

Ernest Hemingway

Ernest Miller Hemingway (1899–1961) – Gast der Murphys, mehrere Sommer in den 1920er Jahren

Hemingway war jünger als die meisten anderen in der Gruppe und noch kein etablierter Name, als er erstmals nach Antibes kam. Die Murphys unterstützten ihn – wie sie viele junge Künstler unterstützten – mit Verbindungen, Finanzierungen und dem Zugang zu einer Gesellschaft, die für seinen Aufstieg entscheidend war. Hemingways Verhältnis zu Fitzgerald war kompliziert und von Konkurrenz durchzogen. Seine Memoiren «Paris – Ein Fest fürs Leben» enthalten einige der deutlichsten Beschreibungen der Atmosphäre dieser Pariser und südfranzösischen Jahre.

Amerikanischer Songwriter – «I’ve Got You Under My Skin» – Bewohner der Riviera

Cole Porter und Linda Porter

Cole Porter (1891–1964) – Linda Lee Thomas-Porter (1883–1954)

Cole Porter war vielleicht derjenige unter den Stammgästen der Murphys, der die musikalische Atmosphäre dieser Jahre am direktesten verkörperte. Der Songwriter aus Indiana, der mit seiner wohlhabenden britischen Frau Linda an der Riviera lebte und arbeitete, schrieb einige seiner unsterblichen Songs in jenen Jahren – inspiriert von der Leichtigkeit, dem Genuss und der kosmopolitischen Gesellschaft, die die Côte d’Azur in den Zwanzigern definierte. Gerald Murphy war leidenschaftlich an Jazz interessiert – diese Begeisterung trug später zur Entstehung des Jazz-Festivals von Juan-les-Pins bei, einem der bedeutendsten Europas bis heute.

Hôtel du Cap – Eden-Roc – der erste Sommer 1923

Das Hôtel du Cap – das erste Sommerhotel der Riviera

Das Hôtel du Cap auf dem Cap d’Antibes existierte bereits seit 1870, als es als Winterkurort für englische und russische Gäste eröffnet wurde. In jedem Mai schloss es seine Türen, bis Oktober. Die Sommer gehörten der Stille und den Einheimischen. Das war die Norm.

Im Frühjahr 1923 überzeugten die Murphys den damaligen Besitzer des Hotels, ausnahmsweise im Sommer geöffnet zu bleiben – und mieteten das gesamte Hotel aus, um ihre Freunde einzuladen. Mit dieser Geste – so banal sie klingt – veränderten sie die Geschichte des europäischen Tourismus. Denn die «fashionable set» folgte. Und als es sich herumgesprochen hatte, dass die Murphys, Picasso und Hemingway den Sommer in Antibes verbrachten, wollten andere ebenfalls dabei sein.

Hôtel du Cap-Eden-Roc – Geschichte und Gegenwart

  • 1870: Erbaut als Villa für einen russischen Aristokraten – bald darauf als Winterhotel umgebaut
  • 1914: Der Felsen und die Pools von Eden-Roc werden angelegt – die berühmtesten Swimmingpool-Anlagen der Riviera entstehen direkt am Meeresgestein des Cap d’Antibes
  • 1923: Die Murphys überzeugen das Hotel, über den Sommer zu öffnen – der erste Sommer mit Picasso, Dos Passos und der Gruppe
  • 1930er bis 1950er: Das Hotel wird zum bevorzugten Domizil der Filmwelt während der Filmfestspiele von Cannes – Marlene Dietrich, Cary Grant, Greta Garbo
  • Heute: Das Hôtel du Cap-Eden-Roc gehört zu den fünf bekanntesten Hotels Europas – kein Kreditkarten Payment, nur Cash oder Überweisung – ein bewusstes Statussignal. Zimmerpreise in der Hochsaison ab EUR 1.500 aufwärts
Das Hôtel du Cap heute besuchenDas Hôtel du Cap-Eden-Roc akzeptiert bis heute keine Kreditkarten – nur Barzahlung oder Überweisung. Diese Tradition aus einer Zeit, in der die Gäste ihren gesellschaftlichen Status nicht durch Kreditlimits definieren mussten, ist ein bewusstes Signal an ein Klientel, für das Geld keine operative Sorge darstellt. Für einen Kaffee auf der Terrasse ist das Hotel auch für Nicht-Gäste zugänglich – ein Moment unter denselben Pinien, unter denen Picasso, Fitzgerald und Hemingway sassen.
Sonnenbaden – Espadrilles – Jazz – Cocktails

Lifestyle und Erfindungen – was die Zwanziger an der Riviera hervorbrachten

Die Kulturbedeutung der Murphys-Gruppe geht weit über die Kunstproduktion hinaus. Diese Menschen erfanden buchstäblich einen Lebensstil, der bis heute existiert – in seiner Ikonographie, seiner Kleidung und seinen sozialen Ritualen.

Gerald Murphy – Erfindung des Sommerstils

Gestreiftes Matrosenhemd und Espadrilles

Gerald Murphy trug am Strand von La Garoupe das, was er als entspannte Sommerkleidung empfand: gestreiftes bretonisches Matrosenhemd, Espadrilles und eine gestrickte Fischermütze. Diese Kombination – heute die Quintessenz des südfranzösischen Sommerstils – war 1923 neu und unkonventionell. Murphy nahm die Arbeitskleider der französischen Fischer und machte sie zur Freizeitkleidung der Oberschicht.

Sara Murphy – Perlen über dem Badeanzug

Die Erfindung des «Sunbathing»

Die Murphys werden von vielen Quellen als diejenigen bezeichnet, die das Wort «sunbathing» in den Sprachgebrauch einführten. Die Vorstellung, dass gebräunte Haut schön sei, war eine Umkehrung der bisherigen Ästhetik – blasse Haut hatte Reichtum signalisiert (man war nicht draussen). Tan wurde zu einem Statussymbol der neuen Art: man hatte genug Freizeit, um in der Sonne zu liegen.

Jazz an der Côte d’Azur

Gerald Murphy und die Jazzmanie

Gerald Murphy war in seiner Pariser Zeit einer der ersten Europäer, der den amerikanischen Jazz als ernsthafte Kunstform behandelte. Seine Begeisterung für Jazz-Musik prägte die Atmosphäre der Partys in der Villa America – und legte den Grundstein für eine Tradition, die 1960 ihren institutionellen Ausdruck fand: das Jazz-Festival von Juan-les-Pins ist heute das bedeutendste seiner Art in Europa und ein direktes Erbe dieser Zwanzigerjahre-Leidenschaft.

Cocktailkultur

Gerald Murphys «Juice of a Few Flowers»

Gerald Murphy war ein leidenschaftlicher Cocktailmischer – er sah das Mischen von Drinks als kreative Tätigkeit. Sein bekanntestes Rezept hiess «Juice of a Few Flowers» und wurde zu einem der Markenzeichen der Abendgesellschaften in der Villa America. Die Cocktailkultur der Prohibition-Ära Amerika traf an der Riviera auf französischen Wein und lokale Kräuter.

Literatur – Malerei – Musik – das Erbe der Riviera-Jahre

Die Kunst dieser Jahre – was aus den Sommern in Antibes wurde

Die künstlerische Produktivität der Menschen, die sich in jenen Sommern um die Murphys scharten, ist ausserordentlich. Die Côte d’Azur der Zwanziger war kein passiver Hintergrund – sie war ein aktiver Stimulus.

Die wichtigsten Kunstwerke, die aus den Riviera-Jahren entstanden

  • F. Scott Fitzgerald – «Zartes ist die Nacht» (Tender is the Night, 1934): Fitzgeralds letzter vollendeter Roman – eine Meditation über Reichtum, Verfall und die gesellschaftliche Welt der Riviera der Zwanziger. Obwohl erst 1934 veröffentlicht, war er aus den Erfahrungen der Sommer 1924–1929 destilliert. Das fiktive Cap d’Antibes-Setting ist so detailgenau, dass man es noch heute ablaufen kann.
  • Gerald Murphy – kubistische Gemälde (1922–1929): Gerald Murphy malte in seinen aktiven Jahren ein kleines Oeuvre von nur etwa zwölf Gemälden, das heute in bedeutenden amerikanischen Sammlungen hängt – darunter das MoMA in New York. «Watch» (1925), «Cocktail» (1927) und «Wasp and Pear» (1929) sind die bekanntesten Werke.
  • Pablo Picasso – Portraits der Sara Murphy: Mindestens fünf Gemälde Picassos aus den Zwanzigern zeigen Sara Murphy oder sind von ihr inspiriert – darunter Werke aus seiner Neoklassischen Periode.
  • Fernand Léger – Aquarelle des Riviera-Lebens: Der französische kubistische Maler Léger dokumentierte die Sommer der Murphy-Gruppe in einer Serie von Aquarellen, die das leichte, farbige Leben am Strand festhielten.
  • Cole Porter – Songs der Zwanziger: Viele von Porters bekanntesten Songs entstanden in den Jahren, die er an der Riviera verbrachte – die Leichtigkeit der Melodien spiegelt die Atmosphäre dieser Zeit.
14. September 1927 – Promenade des Anglais – Nizza

Isadora Duncan – Leben, Verlust und ein Tod, der eine Ära beschloss

Tänzerin – Begründerin des modernen Ausdruckstanzes – gestorben Nizza, 14. September 1927

Isadora Duncan

Angela Isadora Duncan (* 27. Mai 1877 in San Francisco – † 14. September 1927 in Nizza)

Isadora Duncan war die aussergewöhnlichste Frau, die die Côte d’Azur jener Jahre bevölkerte – und die tragischste. Als Begründerin des modernen Ausdruckstanzes hatte sie bereits in den 1900er Jahren europäische Bühnen und Gesellschaften revolutioniert: barfuss, ohne Korsett, in Tunika und Chiton, als erste Künstlerin zu sinfonischer Musik tanzend. Ihre Popularität war mit der von Sarah Bernhardt zu vergleichen. Ihr Leben war eine einzige Folge von Extremen.

Schon vor der Riviera-Zeit hatte Duncan Verluste erlitten, die andere Menschen gebrochen hätten. Im April 1913 ertranken ihre beiden Kinder Deirdre und Patrick sowie das Kindermädchen in der Seine, als der Wagen des Chauffeurs in den Fluss rollte – der Fahrer hatte vergessen, die Handbremse anzuziehen, als er ausstieg, um den abgestorbenen Motor an der Kurbel zu starten. Das dritte Kind Duncans, kurz nach der Geburt, starb ebenfalls. Nach dem Verlust der Kinder hatte Duncan, die einstmals schlanke und energetische Tänzerin, begonnen zu trinken. Sie wurde fülliger, verlor ihre äusserlichen Reize. Sie scherzte resignierend: «Ich liebe Kartoffeln und junge Männer.»

Im Herbst 1927 lebte Duncan in Nizza. Sie war nahezu mittellos – der Reichtum, den sie in besseren Jahren verdient hatte, war zwischen Verlusten, Grosszügigkeit und ihren Gewohnheiten verschwunden. Am 14. September 1927 verliess sie ihr Appartement in der Rue Gounod und schlug einen langen, roten Seidenschal um ihren Hals. Ihr Freund Ivan Falchetto wartete in seinem offenen Sportwagen – einem Amilcar CGSS, möglicherweise auch ein Bugatti (die Quellen widersprechen sich) – auf der Strasse davor.

Der Tod von Isadora Duncan – was wirklich geschah

  • Ein weit verbreiteter Irrtum: Die Geschichte, dass Isadora Duncans Haare in den Motor eines Autos gerieten, ist falsch. Es war ihr langer, roter Seidenschal – kein Haar und kein Motor
  • Was geschah: Als Falchetto losfuhr, verfing sich der im Wind wehende Seidenschal – etwa zwei mal zwei Meter gross – in den offenen Speichen des rechten Hinterrades des Wagens
  • Der Augenblick: Der Schal wurde durch die Drehung des Rades schlagartig straff gezogen und riss Duncan vom Beifahrersitz. Der sich verkürzende Schal erdrosselte sie; durch die Zugkraft erlitt sie gleichzeitig einen Genickbruch
  • Falchetto stoppte: Der Fahrer stoppte nach etwa zwanzig Metern – er sah nicht, was passiert war. Duncan starb noch am Unfallort
  • Im Krankenhaus: Die Ärzte stellten Frakturen der Nase, des Kehlkopfes und der Wirbelsäule sowie Einrisse der Karotiden fest
  • Die letzten Worte: Angeblich – ob authentisch oder legendär – rief Duncan beim Einsteigen: «Adieu mes amis, je vais à la gloire!» – «Auf Wiedersehen, meine Freunde, ich fahre dem Ruhm entgegen»
  • Beisetzung: Am 19. September 1927 auf dem Pariser Friedhof Père-Lachaise. Auf ihrem Sarg lag die amerikanische Flagge
  • Das Fahrzeug: Die genaue Automarke ist bis heute umstritten. Forensische und historische Quellen nennen sowohl einen Amilcar CGSS als auch einen Bugatti. Gertrude Stein kommentierte den Tod bitter: eine Frau, die so geliebt hatte zu tanzen, gestorben durch den Mechanismus der Fortbewegung

Isadora Duncans Tod hatte etwas mythologisch Passendes an sich – sie, die Zeit ihres Lebens fliessende Stoffe, Seide und Bewegung geliebt hatte, wurde von genau diesem Stoff, dieser Seide und dieser Bewegung getötet. Die Tragödie war vollständig.

Eine historische Anmerkung zu Gertrude Steins KommentarGertrude Stein wird mit dem harten Kommentar «Unbesucht ist die Seite» zitiert – angeblich bezüglich des Tod-Ortes. Dem gegenüber stehen herzlichere Zeugnisse aus dem Freundeskreis. Was gesichert ist: Die Meldung des Todes auf der Promenade des Anglais löste in Paris und Nizza grosse Erschütterung aus. Ein Sammler soll bei der Versteigerung ihrer persönlichen Gegenstände für 65.000 Francs Erinnerungsstücke ersteigert haben.
Sommer 1929 – das Ende der goldenen Jahre

Das Ende – 1929 und das jähe Schweigen

Die goldenen Jahre an der Côte d’Azur endeten für die Murphys nicht mit dem Börsencrash von Oktober 1929, sondern mit Persönlichem. Im Sommer 1929 erfuhren sie, dass ihr ältester Sohn Baoth an Tuberkulose erkrankt war. In den folgenden Jahren sollten beide Söhne sterben – Baoth 1935, Patrick 1937. Die Murphys kehrten nach Amerika zurück. Gerald Murphy führte das Familienunternehmen Mark Cross weiter und hörte zu malen auf.

Fitzgerald kämpfte mit Alkohol und dem Scheitern von «Zartes ist die Nacht». Zelda wurde in psychiatrische Anstalten eingewiesen. Hemingway trennte sich von seiner zweiten Frau Hadley und von Fitzgerald. Picasso blieb – er war mehr als jeder andere mit dem Süden Frankreichs verwachsen. Der Zweite Weltkrieg unterbrach alles.

Den Börsencrash überlebte die Gruppe als Lebenserfahrung – die meisten ihrer Mitglieder waren wohlhabend genug, um nicht unmittelbar betroffen zu sein. Was die goldene Dekade beendete, war das Schicksal, nicht die Ökonomie. Aber die Atmosphäre der sorglosen Kreativität, der endlosen Sommer, der Partys bis in den Morgen und der Überzeugung, dass das Leben die schönste Kunst sei – diese Atmosphäre verschwand mit den persönlichen Tragödien der Beteiligten und kehrte nie zurück.

Antibes, Juan-les-Pins und die Côte d’Azur 2026

Antibes und die Riviera heute – das Erbe der Zwanziger

Wer heute nach Antibes und Cap d’Antibes reist, betritt ein Gelände, das von den Zwanzigern stärker geprägt ist als fast jeder andere Ort an der Riviera. Die Geschichte ist physisch noch greifbar.

Antibes – Picasso-Museum

Musée Picasso – Château Grimaldi

Das Château Grimaldi in der Altstadt von Antibes stellte Picasso nach dem Zweiten Weltkrieg als Atelier zur Verfügung. Die dort entstandenen Werke blieben nach Picassos Abreise im Château und bilden die Grundlage des heute bedeutendsten Picasso-Museums ausserhalb Spaniens. Ein Pflichtbesuch für jeden, der die Verbindung zwischen dem Maler und der Stadt verstehen möchte.

Cap d’Antibes – das Hotel der Twenties

Hôtel du Cap-Eden-Roc

Das Hotel, das die Murphys 1923 überzeugten, im Sommer zu öffnen, ist heute eines der teuersten und bekanntesten Hotels Europas. Noch immer kein Kreditkarten-Payment. Noch immer dieselben Pinien, unter denen Fitzgerald, Murphy und Hemingway sassen. Ein Kaffee auf der Terrasse ist auch für Nicht-Gäste möglich.

Juan-les-Pins – das Jazz-Erbe

Jazz à Juan – das älteste Jazzfestival Europas

Das internationale Jazzfestival von Juan-les-Pins – «Jazz à Juan» – findet seit 1960 jeden Sommer statt und ist ein direktes Erbe der Jazzbegeisterung, die Gerald Murphy in die Gruppe der Zwanziger eingebracht hatte. Heute gilt es als das bedeutendste Jazzfestival Europas und findet in dem Küstenpark statt, wenige Meter von den Orten entfernt, an denen die Murphy-Gruppe gesessen hatte.

Nizza – Promenade des Anglais

Isadora Duncans letzter Weg

Die Promenade des Anglais in Nizza – wo Isadora Duncan am 14. September 1927 starb – ist heute eine der bekanntesten Strandpromenaden Europas. Keine Gedenktafel markiert den Unfallort. Aber die Strasse, an der sie wohnte – die Rue Gounod, wenige Schritte von der Promenade – ist noch immer dieselbe. Der Friedhof Père-Lachaise in Paris, wo sie beigesetzt wurde, ist ihr offizieller Gedächtnisort.

Die Côte d’Azur der Zwanziger – Orte, die man noch heute aufsuchen kann

  • Villa America (Cap d’Antibes, Chemin des Mougins 112): Das ehemalige Murphy-Anwesen existiert noch – 1950 für USD 27.000 verkauft, heute eine private Residenz. Die Adresse ist bekannt, das Anwesen nicht öffentlich zugänglich
  • Strand von La Garoupe: Der Strand, den die Murphys morgens persönlich von Tang reinigten und zum sozialen Mittelpunkt ihrer Gruppe machten, ist heute ein öffentlicher Strand – noch immer schön, noch immer ruhiger als die zentralen Strände von Antibes
  • Hôtel du Cap-Eden-Roc: Noch immer offen, noch immer ohne Kreditkarten. Die Terrasse und die Eden-Roc-Felsen sind für Besucher zugänglich
  • Musée Picasso Antibes: Täglich ausser montags geöffnet – die Dauerausstellung der Antibes-Werke Picassos ist einzigartig
  • Jazz à Juan (jährlich im Juli): Das direkte Erbe der Jazzbegeisterung der Zwanziger – eines der besten Jazzfestivals Europas, unter den Pinien von Juan-les-Pins
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Côte d’Azur in den Zwanzigern – Künstlerkolonie, Tourismuspioniere und Isadora DuncanAlle Angaben ohne Gewähr – Stand Mai 2026