Costa Smeralda – die Geschichte des bedeutendsten Experiments im Luxustourismus des 20. Jahrhunderts

 

Die Gallura vor dem Tourismus – Wildnis und Stille

Vor 1962 – eine Küste, die niemand kannte

Was heute Porto Cervo ist, hiess bei den Einheimischen «Monti di Mola» oder auf Sardisch «Poltu mannu» – der grosse Hafen. Eine handvoll Familien aus der Gegend der Gallura bewirtschaftete das Land. Es gab keine Strassen, keine Hotels, keine Infrastruktur. Die Küste, die sich auf etwa 55 Kilometern zwischen Liscia di Vacca im Norden und dem Golf von Cugnana im Süden erstreckte, war ein grossteils unzugängliches Labyrinth aus Granitbuchten, Macchia-Landschaften, rosafarbenen Felsen und türkisblauem Wasser – eine der unberührtesten Küstenlandschaften des gesamten Mittelmeers.

Sardinien insgesamt war in den frühen 1960er Jahren eines der ärmsten Gebiete Italiens. Die Ostküste – Ogliastra, die Barbagia-Berge, die Gallura – galt als das rückständigste Gebiet der rückständigsten Region. Malaria war innerhalb der vorangegangenen Generation ausgerottet worden. Strom erreichte viele Dörfer erst in den 1950er Jahren. Tourismus gab es auf der Insel kaum. Die Strassen, die zur Nordostküste führten, waren Schotterwege.

Das Licht, die Farben des Meeres und die Transparenz des Wassers, die durch Meereserosion aufgeweichten Formen der Granitfelsen, der Duft des Wacholders und die Stille einer fast unbewohnten Gegend – das war die Visitenkarte, die niemand geschrieben hatte, weil sie niemand kannte.

Die Entdeckung dieser Küste durch den Aga Khan soll – wie alle grossen Gründungslegenden – zufällig gewesen sein. Prinz Karim al-Hussaini Aga Khan IV., der seit 1957 als 49. Imam der Ismailitischen Schiiten fungierte und durch sein enormes Privatvermögen und seinen Unternehmergeist bekannt war, hielt auf einer Segelreise in der Bucht von Nord-Sardinien an. Die Legende besagt, er habe sich auf den ersten Blick verliebt – in das Wasser, die Stille, die Felsen und die Abwesenheit allem Massentouristischen. Was aus diesem ersten Blick folgte, war eine der bedeutendsten privaten Investitionsentscheidungen in der Geschichte des europäischen Tourismus.

14. März 1962 – Konsortium gegründet vor Notar in Tempio Pausania

Die Vision – Luxus, der die Natur bewahrt statt zerstört

Am 14. März 1962 wurde das Consorzio della Costa Smeralda vor dem Notar Mario Altea in Tempio Pausania notariell gegründet. Die Investorengruppe, die hinter Aga Khan stand, war klein und illustre: Giuseppe Kerry Mentasti (Inhaber von San Pellegrino), Patrick Guinness (aus der Bierbarondynastie), der Engländer John Duncan Miller – der erste war, der die Aufmerksamkeit des Aga Khan auf diese Küste gelenkt hatte – und der Pole René Podbielski. Das Konsortium erhielt die Kontrolle über 1.800 Hektar Land zwischen Liscia di Vacca, Porto Cervo, Cala di Volpe, Capriccioli und Romazzino.

Die Vision, die Aga Khan für dieses Gebiet hatte, war für die damalige Zeit revolutionär und in gewisser Weise bis heute unerreicht: Es sollte ein Reiseziel entstehen, das mit den exklusivsten Badeorten der Welt konkurrieren konnte – aber eines, das die natürliche Schönheit des Landes nicht opferte, sondern sie als seine wichtigste Ressource behandelte. Diese Idee war 1962 alles andere als selbstverständlich. In ganz Europa wurden Küsten mit Beton zugebaut. Das Modell des Massentourismus feierte seine ersten grossen Triumphe.

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Cala di Volpe – Hotel Romazzino – Hotel Pitrizza – Porto Cervo

Das Konsortium Costa Smeralda – Gründungsprinzipien 1962

  • Architekturausschuss: Jedes Bauprojekt auf dem Konsortiumsgebiet musste vom Architekturausschuss genehmigt werden – ein absolutes Novum im italienischen Tourismus der 1960er Jahre
  • Materialien: Nur natürliche, regionale Materialien – Granit, Kalk, Holz – keine Betonklötze, keine industriellen Fassaden
  • Höhenbeschränkung: Kein Gebäude durfte die Baumwipfel überragen – die Silhouette der Küste sollte vom Meer aus unverändert bleiben
  • Farbpalette: Einheitliche Farbpalette aus Weiss, Beige, Terrakotta und Ocker – keine grellen Farben, keine Neonreklamen
  • Landnutzung: Strenge Beschränkungen für Bebauungsdichte und Raumaufteilung – kein Verdichten, kein Urbanisieren
  • Gebietsumfang: 1.800 Hektar zwischen Liscia di Vacca, Porto Cervo, Cala di Volpe, Capriccioli und Romazzino
Jacques Couelle – Michele Busiri Vici – Savin Couelle

Die Architektur – Häuser, die wie gewachsen wirken sollten

Die architektonische Sprache der Costa Smeralda ist das sichtbarste Erbe der Vision des Aga Khan – und gleichzeitig das am häufigsten missverstandene. Was auf den ersten Blick wie ein malerisches sardisches Fischerdorf aussieht, ist in Wirklichkeit das Ergebnis einer sorgfältig durchdachten Designphilosophie, die von einigen der bedeutendsten Architekten des 20. Jahrhunderts entwickelt wurde.

Jacques Couelle war der bedeutendste Architekt dieser Gruppe. Der Franzose hatte eine eigene Designsprache entwickelt, die er «Spontaneismus» nannte – Gebäude, die aussahen, als seien sie organisch aus dem Fels gewachsen, mit fliessenden, unregelmässigen Linien, die jede Maschinenpräzision vermieden. Kein rechter Winkel, keine gerade Kante, die nicht durch das Material oder den Fels selbst vorgegeben war. Calla di Volpe, sein bekanntestes Werk an der Costa Smeralda, wurde 1963 fertiggestellt und gilt bis heute als eines der architektonisch bedeutendsten Hotelgebäude Europas.

Hauptarchitekt – «Spontaneismus»

Jacques Couelle (1902–1996)

Französischer Architekt – entwickelte die organische Designsprache der Costa Smeralda. Schuf das Hotel Cala di Volpe (1963), das Hotel Pitrizza und zahlreiche Privatvillen. Seine Bauten gelten als die reinste Ausdrucksform der Konsortiums-Philosophie.

Porto Cervo Dorfzentrum

Michele Busiri Vici (1894–1981)

Römischer Architekt – Schöpfer des Dorfzentrums von Porto Cervo, des «Sottopiazza» und der Kirche Stella Maris mit dem umstrittenen, heute legendären El Greco-Gemälde. Prägte die gesellschaftliche Infrastruktur des neuen Ortes.

Weiterentwicklung – Sohn

Savin Couelle (geb. 1934)

Sohn von Jacques Couelle und Fortführer seiner organischen Architektursprache an der Costa Smeralda. Schuf in den folgenden Jahrzehnten zahlreiche Privatvillen und Hotels in der von seinem Vater entwickelten Stilsprache.

Die Merkmale der Costa-Smeralda-Architektur

  • Organische Linien: Keine geraden Mauern, keine rechten Winkel – alle Formen folgen dem natürlichen Verlauf des Geländes und des Gesteins
  • Weisser Kalk und Granit: Die vorherrschende Materialsprache – Weiss des Verputzes, Rosa-Grau des sardischen Granits
  • Eingebettete Vegetation: Alte Bäume wurden in die Gebäude integriert statt gefällt – Terrassenanlagen wachsen um bestehende Felsen
  • Keine Sichtbarkeit vom Meer: Hotels und Villen verschwinden hinter Hügeln und Vegetation – das Prinzip der Unsichtbarkeit vom Wasser aus
  • Pastelltöne statt Weiss: Terrakottarot, Ockergelb, verwaschenem Blau – eine Farbpalette, die an verwitterte sardische Hausfassaden erinnert
  • Das Erbe: Dieser Stil wurde in der Folge fast überall an der sardischen Küste kopiert – oft schlecht und missverständlich, aber die Verbreitung zeigt die Wirkungsmacht der ursprünglichen Vision
1962–1969 – Porto Cervo entsteht

Der Aufbau – wie aus einer Wildnis ein Jetset Treffpunkt wurde

Der Bau von Porto Cervo und der ersten Costa-Smeralda-Hotels begann unmittelbar nach der Konsortialgründung im Jahr 1962. Das Tempo war erstaunlich. 1963 öffnete das Hotel Cala di Volpe – Jacques Cailles Hauptwerk, ein Gebäude, das wie ein sardisches Fischerdorf aussah und dabei alle Annehmlichkeiten eines Weltklasse-Luxushotels verbarg. Im selben Jahr wurde das Dorfzentrum von Porto Cervo begonnen.

Der Aufbau war nicht nur ein Architektur- sondern auch ein Sozialprojekt. Die sardischen Handwerker aus der Gallura – Maurer, Zimmerer, Schmiede – lernten unter der Anleitung der Architekten des Konsortiums neue Techniken und Stile, die ihre überlieferten Fähigkeiten mit einer neuen Designsprache verbanden. Viele von ihnen gründeten im Anschluss eigene Unternehmen, die den Aufschwung der gesamten Region mittrugen. Der Tourismus-Boom, den die Costa Smeralda auslöste, war der Beginn des modernen Tourismus auf ganz Sardinien.

1962
Gründung des Konsortiums – Kaufvertrag für 1.800 Hektar
Am 14. März 1962 vor Notar Mario Altea in Tempio Pausania. Investorengruppe um Aga Khan IV., Mentasti (San Pellegrino), Patrick Guinness und John Duncan Miller. Beginn der Planung und der Erschliessungsarbeiten.
1963
Hotel Cala di Volpe eröffnet – das erste grosse Hotel
Jacques Couelle vollendet sein Hauptwerk: Das Hotel Cala di Volpe in der gleichnamigen Bucht wird zum Symbol der Costa Smeralda. Im selben Jahr Beginn des Baus des Dorfzentrums von Porto Cervo.
1963
Alisarda Airlines gegründet
Aga Khan gründet die Fluggesellschaft Alisarda, um die Reiseverbindungen nach Sardinien zu verbessern. Alisarda wird später zu Meridiana und dann zu Air Italy – der Beginn der modernen Luftfahrtinfrastruktur der Insel.
1967
Yacht Club Costa Smeralda gegründet
Der YCCS wird zum gesellschaftlichen Mittelpunkt des Segellebens an der Nordküste Sardiniens und zur wichtigsten Plattform für den internationalen Rennsegelsport im Mittelmeer.
1969
Flughafen Olbia-Costa Smeralda eröffnet
Aga Khan realisiert den Flughafen Olbia – heute das wichtigste internationale Drehkreuz Sardiniens und Grundlage für den Massentourismus der gesamten Insel.
1977
James Bond kommt nach Porto Cervo
«Der Spion, der mich liebte» mit Roger Moore wird in Porto Cervo gedreht. Das Café Martinique, das Casino, die Marina – die Welt sieht Porto Cervo zum ersten Mal in bewegten Bildern. Der Geheimtipp ist offiziell vorbei.
1983
America’s Cup – Azzurra für den YCCS
Das Boot «Azzurra» des Yacht Club Costa Smeralda tritt als erstes italienisches Boot überhaupt beim America’s Cup in Newport (Rhode Island) an. Die Teilnahme macht den YCCS weltweit bekannt und befördert den Ruf der Costa Smeralda als Segelmekka.
2003
Verkauf des Konsortiums an Qatar Investment Fund
Der Qatar Investment Fund (QIF) übernimmt das Konsortium der Costa Smeralda und die zugehörigen Hotels für rund 2,8 Milliarden Euro – eines der grössten Immobilientransaktionen in der Geschichte des europäischen Tourismus.
1967 – gegründet von Aga Khan – Azzurra – America’s Cup

Der Yacht Club Costa Smeralda – wo Sardinien die Weltsegelwelt traf

Der Yacht Club Costa Smeralda (YCCS), 1967 vom Aga Khan in Porto Cervo gegründet, ist mehr als ein Segelverein. Er ist die gesellschaftliche Institution, die Porto Cervo von einem mondänen Feriendorf zu einem ernstzunehmenden Zentrum des internationalen Segelsports gemacht hat – und damit die Reiseentscheidungen einer Schicht von Bootseigentümern beeinflusst hat, die ihre Sommermonate nach dem Rennkalender ausrichten.

Die Regatten des YCCS – insbesondere die Maxi Yacht Rolex Cup, die Rolex Swan Cup und der Swan One Design – gehören zu den bedeutendsten Segelveranstaltungen Europas und ziehen jährlich Hunderte von Yachten aus aller Welt nach Porto Cervo. Der Höhepunkt in der Geschichte des Clubs war die Teilnahme des Bootes «Azzurra» beim America’s Cup 1983 in Newport, Rhode Island – der erste Start eines italienischen Boots in der über 130-jährigen Geschichte des renommiertesten Segelwettbewerbs der Welt. «Azzurra» belegte den dritten Platz und machte den YCCS schlagartig weltweit bekannt.

Yacht Club Costa Smeralda – wichtigste Regatten 2026

  • Maxi Yacht Rolex Cup (September): Eine der bedeutendsten Maxi-Yacht-Regatten der Welt – grosse Klassen auf dem Corso Nazionale
  • Rolex Swan Cup (September, alle 2 Jahre): Weltgrösste Regatta der Swan-Klasse – Porto Cervo als weltweiter Treffpunkt der Swan-Gemeinschaft
  • Loro Piana Superyacht Regatta (Juni): Superyachten über 30 Meter – das visuell eindrucksvollste Ereignis im YCCS-Kalender
  • Smeralda Sailing Week: Offene Regattawoche für Klassen aller Grössenordnungen – Nachwuchs und Amateure willkommen
1960er bis 1990er – Audrey Hepburn, Stavros Niarchos und die Superyachten

Die goldenen Jahre – als Porto Cervo der Nabel der Sommergesellschaft war

Die Geschichte des Jetsets an der Costa Smeralda lässt sich kaum von der Geschichte des internationalen Prominentenlebens der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts trennen. Porto Cervo war in den Jahrzehnten zwischen seiner Gründung und der Jahrtausendwende der Treffpunkt einer europäischen und internationalen Oberschicht, die nirgendwo sonst zu finden war: Könige und Königinnen, Filmstars, Modedesigner, Reeder, Ölmagnaten, Rennfahrer, Topmodels.

Die Namen, die mit der Geschichte der Costa Smeralda verbunden sind, lesen sich wie ein Who’s Who des 20. Jahrhunderts. Audrey Hepburn war Stammgast. Sophia LorenMarcello Mastroianni, die Familie Kennedy – alle waren hier. Stavros Niarchos, der griechische Reeder und Superyacht-Pionier, ankerte regelmässig in der Bucht von Porto Cervo. Die Marina des Konsortiums war in den Hochzeiten der Sommerwochen randvoll mit Booten, deren Gesamtwert schwer zu beziffern war. Das gesellschaftliche Leben spielte sich auf drei Ebenen ab: der Marina, dem Sottopiazza und den Villen hinter den Hügeln.

Spätestens als 1977 in «Der Spion, der mich liebte» der berühmteste Agent der Welt in Porto Cervo gastierte, war es vorbei mit dem Geheimtipp Costa Smeralda. Aber der Mythos hatte sich auch ohne Bond schon lange verselbständigt.

Gesellschaftliche Eckpfeiler des Jetset-Lebens in Porto Cervo

  • Sottopiazza: Das unterirdische Einkaufszentrum unter dem Hauptplatz von Porto Cervo – Boutiquen internationaler Modemarken, Cafés und der gesellschaftliche Mittelpunkt des Dorfes
  • Yacht-Club-Terrasse: Der Treffpunkt nach den Regatten – und ausserhalb der Segelsaison der informelle Stammtisch der Dauergäste
  • Bikini Beach: Der berühmteste Strandclub der Costa Smeralda – am Strand direkt unterhalb des Dorfzentrums von Porto Cervo
  • Billionaire Club: Der bekannteste Nachtclub Sardiniens – in Porto Rotondo, in unmittelbarer Nähe zur Costa Smeralda – Symbol der wilden 1990er und frühen 2000er Jahre
  • Kirche Stella Maris: An der höchsten Stelle von Porto Cervo – ein bewusster Akt des Aga Khan, der eine Kirche statt ein Hotel an den schönsten Aussichtspunkt stellte. Beherbergt heute ein Gemälde, das lange El Greco zugeschrieben wurde
1980er bis 2000er – vom Exklusivreservat zur Weltmarke

Der Wandel – Demokratisierung und Dilution des Luxus

Die Costa Smeralda der 1960er und 1970er Jahre war ein genuines Exklusivreservat: wenige hundert Einwohner in der Nebensaison, ein sorgfältig gesteuerter Zugang im Sommer, Gäste, die sich kannten und die Aga Khan persönlich kannte. Was ab den 1980er Jahren geschah, war eine Entwicklung, die der Gründer mit gemischten Gefühlen verfolgt haben dürfte: Der Ruf der Costa Smeralda verbreitete sich weit über den ursprünglichen Kern hinaus, und mit dem Ruf kamen die Nachahmer, die Presse, die Pauschalurlauber der gehobenen Klasse – kurz: der Massentourismus, der teuer genug war, um nicht wie Massentourismus auszusehen, aber doch zu zahlreich, um die ursprüngliche Stille zu bewahren.

Ausserhalb des Konsortiumsgebiets, entlang der Küste von Porto Rotondo bis Baia Sardinia und darüber hinaus, entstanden in den 1970er und 1980er Jahren Hotels und Feriendörfer, die den Stil der Costa Smeralda kopierten – manchmal gelungen, manchmal als Parodie. Die Schönheit der Küste zog Investoren an, die nicht denselben Kontrollmechanismen des Architekturausschusses unterlagen. Das Ergebnis ist noch heute zu sehen: ein schmaler Küstenkorridor von aussergewöhnlicher architektonischer Qualität – das eigentliche Konsortiumsgebiet – umgeben von einer weit grösseren Region, die von diesem Vorbild inspiriert wurde, es aber selten erreichte.

2003 – Qatar Investment Fund – 2,8 Milliarden Euro

2003 – der Verkauf und das Ende einer Ära

Im Jahr 2003 verkaufte der Aga Khan das Konsortium Costa Smeralda und die zugehörigen Hotels – Cala di Volpe, Romazzino, Pitrizza, Cervo – für rund 2,8 Milliarden Euro an den Qatar Investment Fund (QIF). Es war einer der grössten Immobiliendeal in der Geschichte des europäischen Luxustourismus und markierte das formale Ende der Ära, in der ein einzelner Visionär die Geschicke dieses Küstenstreifens bestimmte.

Der Verkauf löste in Sardinien heftige Debatten aus. Kritiker sahen darin den Ausverkauf eines Kulturguts, das nicht nur ein touristisches Produkt, sondern ein Teil der sardischen Identität geworden war. Befürworter argumentierten, dass der qatarische Staatsfonds mit seinen finanziellen Mitteln die notwendigen Renovierungen und Modernisierungen der Hotels vornehmen könnte, die der alternde Besitz dringend benötigte. Beide Seiten hatten Recht.

Was sich veränderte – und was blieb

  • Renovierungen: Der QIF investierte erheblich in die Modernisierung der Hotels – insbesondere das Cala di Volpe wurde aufwendig renoviert und in die Luxury Collection (Marriott) eingegliedert
  • Architektur: Die Architekturrichtlinien des Konsortiums blieben formal in Kraft – neue Bauten müssen weiterhin dem Geist der Couelle’schen Designsprache entsprechen
  • Atmosphäre: Der persönliche Charakter, den der Aga Khan der Küste gegeben hatte, verblasste unvermeidlich mit dem institutionellen Eigentümer
  • YCCS: Der Yacht Club Costa Smeralda blieb eigenständig und in seiner Bedeutung für den internationalen Segelsport unverändert
  • Preise: Die Hoteltarife stiegen unter der neuen Eigentümerschaft deutlich an – Porto Cervo positionierte sich im obersten Segment des globalen Luxustourismus
Costa Smeralda 2026 – zwischen Erbe und Gegenwart

Costa Smeralda heute – Kontinuität und Kontraste

Die Costa Smeralda des Jahres 2026 ist auf den ersten Blick die Küste, die immer war: türkisfarbene Buchten, rosafarbene Granitfelsen, weisse Villen hinter Macchia-Vegetation, Superyachten in der Marina von Porto Cervo, das Dorfzentrum mit seinen Luxusboutiquen und Cafés. Der Mythos trägt sich selbst.

Auf den zweiten Blick sind die Veränderungen deutlich. Das Publikum der frühen Jahrzehnte – eine vergleichsweise kleine Gruppe von sehr reichen Europäern und Amerikanern, die einander kannten und die Küste als ihr Wohnzimmer behandelten – ist einer globalen Kundschaft gewichen: russische Oligarchen (deren Präsenz nach 2022 dramatisch zurückging), arabische Scheichs, asiatische Milliardäre, amerikanische Hedgefondsmanager. Porto Cervo in August ist nicht mehr der Treffpunkt einer europäischen Elite, sondern eine Showbühne des globalen Reichtums – lauter, bunter und anonymer als zu Gründerzeiten.

Gleichzeitig hat die Costa Smeralda als Tourismusmarke eine Stärke entwickelt, die weit über ihre physische Grösse hinausgeht. Der Name allein – die Smaragdküste – ist eines der bekanntesten geografischen Markennamen im weltweiten Luxustourismus. Hotels auf der ganzen Welt benutzen ihn als Referenz. Dokumentarfilme, Memoiren, Romane und Kunstbücher behandeln ihre Geschichte. Nele Dechmanns Buch «Costa Smeralda», das erstmals unveröffentlichte Pläne, Fotografien und Dokumente aus dem Archiv des Architekten Enzo Satta zugänglich machte, erschloss dem breiten Publikum die Tiefe einer Geschichte, die weit mehr ist als die Geschichte eines Ferienortes.

Was sich nicht verändert hat

Das Erbe des Architekturausschusses

Die Architekturregeln des Konsortiums sind nach wie vor in Kraft. Kein Neubau auf dem ursprünglichen Konsortiumsgebiet darf die Regeln der Couelle’schen Designsprache verletzen. Das erklärt, warum die Costa Smeralda im Vergleich zu anderen Teilen der sardischen Küste wie eine Zeitkapsel wirkt – nicht eingefroren, aber respektvoll.

Was sich verändert hat

Das Publikum und die Preise

Die Hochsaison ist heute teurer als je zuvor. Yachten in der Marina von Porto Cervo kosten in der Hochsaison Summen, die die Gründergeneration verblüfft hätten. Das Publikum ist globaler, anonymer und wohlhabender – aber der persönliche Geist des Gründers fehlt.

Das stille Porto Cervo

September und Oktober – die beste Zeit

Wer die Costa Smeralda in ihrer ursprünglichen Stille erleben möchte, muss nach der Saison kommen. In September und Oktober, wenn die Superyachten abgezogen sind und die Boutiquen ihre Öffnungszeiten kürzen, zeigt die Küste ihr echtes Gesicht: das Licht, das Wasser, die Felsen und die Stille, die Aga Khan 1962 in die Bucht geführt hat.

Nachhaltigkeit – neue Debatten

Umwelt und Zukunft der Küste

Das ursprüngliche Nachhaltigkeitskonzept des Konsortiums – Natur als Ressource, nicht als Opfer – steht heute unter neuen Drücken: Wasserverbrauch in der Trockensaison, Überfüllung der kleinen Buchten per Boot, Emissionen der Yachtflotte. Diskussionen über die Zukunft des Küstenschutzes sind lebhafter denn je.

Was bleibt – das Vermächtnis einer Idee

Das Erbe des Aga Khan – und was es für die Zukunft bedeutet

Karim Aga Khan IV. verstarb am 4. Februar 2025 im Alter von 88 Jahren in Lissabon. Sein Tod war das Ende einer langen persönlichen Geschichte mit der Küste, die er aus dem Nichts erschaffen hatte – aber er markierte keinen Bruch in der Geschichte der Costa Smeralda, deren Dynamik längst eine eigene Logik entwickelt hat.

Das Vermächtnis des Aga Khan an der Costa Smeralda ist vielschichtig. Das Offensichtlichste ist der Ort selbst: eine der schönsten und architektonisch kohärentesten Küstenlandschaften Europas, die ihrer Schönheit nicht zum Opfer gefallen ist. Das Weniger-Offensichtliche ist das Modell, das er entwickelt hat. Das Konsortium Costa Smeralda war, gemessen an seiner Zeit, ein Pioniermodell für nachhaltigen Luxustourismus – bevor der Begriff existierte. Die Idee, dass eine touristische Destination ihre Natur schützen muss, um ihren Wert zu erhalten, ist heute eine Trivialität. 1962 war sie eine Revolution.

Das Erbe in Zahlen und Fakten

  • Flughafen Olbia: 1969 vom Aga Khan realisiert – heute mit über 3,5 Millionen Passagieren pro Jahr das wichtigste Drehkreuz Sardiniens
  • Alisarda / Meridiana / Air Italy: Die von ihm gegründete Fluggesellschaft prägte den Inlandsflugverkehr Sardiniens über Jahrzehnte
  • YCCS: Der Yacht Club Costa Smeralda zählt zu den bedeutendsten Segelclubs Europas – Mitglieder aus über 50 Ländern
  • Architektursprache: Die Couelle’sche Designsprache der Costa Smeralda ist das einflussreichste Stilmodell der sardischen Küstenarchitektur der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts
  • Wirtschaftsmotor: Der Tourismus Boom, den die Costa Smeralda ausgelöst hat, war der Beginn der wirtschaftlichen Erholung des gesamten Nordostsardiniens nach Jahrhunderten der Armut
  • Internationales Modell: Das Konsortiums Modell – private Planung und Kontrolle eines Tourismusgebiets nach ästhetischen und ökologischen Standards – wurde in der Folge weltweit als Planungsmodell zitiert
Besuchstipp – das echte Porto Cervo entdecken:  Die Kirche Stella Maris auf der Anhöhe oberhalb des Dorfzentrums ist ein Ort, den man aufsuchen sollte – und der zeigt, was die Vision des Aga Khan von einem rein kommerziellen Projekt unterschied. An den schönsten Aussichtspunkt von Porto Cervo stellte er keine Bar, kein Hotel und keine Boutique, sondern eine Kirche. Das Gemälde «Mater Dolorosa» im Inneren, lange El Greco zugeschrieben, ist bis heute ein kleines kunsthistorisches Rätsel. Den Weg hinauf – morgens, bevor die Touristen kommen – kann man in zehn Minuten zu Fuss zurücklegen. Der Blick über Porto Cervo und die Bucht darunter erklärt in einem Augenblick alles, was ein Prinz im Jahr 1962 gesehen haben muss.
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Costa Smeralda – Geschichte, Entstehung und Tourismus damals und heuteAlle Angaben ohne Gewähr – Stand Mai 2026