KULTURREISE ZYPERN | GESCHICHTE UND ZIVILISATION

Zypern: 10.000 Jahre Geschichte zwischen Orient und Okzident

Von den ersten Siedlern der Steinzeit über Phönizier, Griechen, Römer, Byzantiner, Kreuzritter, Venezianer und Osmanen bis zur britischen Kolonialzeit und der heutigen geteilten Republik: Zypern ist ein lebendes Geschichtsbuch – in Stein gehauen, in Mosaiken verlegt und in zwei Sprachen gesprochen.

Kaum eine Insel im Mittelmeer vereint auf so engem Raum so viele Schichten menschlicher Geschichte wie Zypern. Was auf anderen Inseln als Ausnahme gilt – ein antikes Theater hier, eine mittelalterliche Burg dort – ist auf Zypern die Regel: Jede Epoche hat sichtbare, tastbare, besuchbare Spuren hinterlassen, vom prähistorischen Rundbau in Choirokoitia über die römischen Mosaiken von Paphos bis zur venezianischen Stadtmauer von Nikosia und den bemalten Scheunenkirchen im Troodos Gebirge. Dass Zypern heute sowohl griechisch-orthodoxes Kulturerbe als auch osmanisch-islamische Bausubstanz unter einem Himmel vereint, ist das Ergebnis von Jahrtausenden einer Geschichte, die die Insel mal als Schatz, mal als Bühne, mal als Spielball zwischen den Großmächten des Mittelmeerraums sah.

Dieser Kulturblog erzählt diese Geschichte von Anfang an: von den ersten Jägern und Sammlern, die vor mehr als zehntausend Jahren die Insel betraten, über die phönizischen Händler, die griechischen Stadtkönigreiche, das Römische Reich, in dem der Apostel Paulus durch Zypern predigte, die byzantinische Pracht, die Kreuzzüge und das Lusignan Königreich, die venezianischen Festungen, die dreihundert Jahre osmanische Herrschaft, die britische Kolonialzeit und schließlich das Zypern von heute – mit seinen zwei Sprachen, zwei Religionen, zwei Bevölkerungsgruppen und der noch immer offenen Frage der Teilung.

Inhalt auf einen Blick

  1. Zypern im Überblick: Geographie, Sprachen und Religionen
  2. Vorgeschichte und Bronzezeit: Kupfer, Handel und die erste Hochkultur
  3. Phönizier und Griechen: die prägenden Kulturen der Antike
  4. Assyrer, Ägypter und Perser: Zypern als Spielball der Grossmächte
  5. Alexander der Grosse, Ptolemäer und die hellenistische Zeit
  6. Römisches Zypern: Mosaiken, Apostel und Provinzhauptstadt
  7. Byzanz: Christentum, Ikonenmalerei und arabische Angriffe
  8. Richard Löwenherz und die Kreuzritter: das Lusignan-Königreich
  9. Venezianische Herrschaft: Festungen gegen osmanische Macht
  10. Das Osmanische Reich: 300 Jahre Herrschaft und kultureller Wandel
  11. Britische Kolonialzeit: Moderne und Nationalismus
  12. Unabhängigkeit, Teilung und Gegenwart
  13. Antike Bauwerke und archäologische Stätten, die erhalten sind
  14. Sprache und Literatur
  15. Bekannte Persönlichkeiten aus der Geschichte Zyperns

1. Zypern im Überblick: Geographie, Sprachen und Religionen

Merkmal Details
Lage Östliches Mittelmeer, südlich der Türkei, westlich des Libanon
Fläche 9.251 km² (drittgrösste Mittelmeerinsel nach Sizilien und Sardinien)
Bevölkerung Ca. 1,2 Millionen (Süden), davon ca. 80% griechische, ca. 18% türkische Zyprioten
Hauptstadt Nikosia (Lefkosia) – einzige geteilte Hauptstadt der Welt
Amtssprachen Griechisch (Süden), Türkisch (Norden); Englisch als weitverbreitete Verkehrssprache
Religionen Griechisch-Orthodoxes Christentum (Süden), Sunnitischer Islam (Norden)
EU-Mitglied Seit 2004; der gesamten Insel nach EU-Recht, de facto nur im Süden
Teilung Seit 1974; UN-Pufferzone (Green Line) trennt Nord und Süd
Name Von griechisch Kypros, abgeleitet vom Kupfer (Kuprum), das hier abgebaut wurde

Zypern liegt wie ein Scharnier zwischen drei Kontinenten: Europa im Westen, Asien im Norden und Afrika im Süden. Diese geographische Lage war kein Zufall für die bewegte Geschichte der Insel – sie machte Zypern zum natürlichen Knotenpunkt des Mittelmeers, begehrt als Handelsbasis, als Flottenstützpunkt und als strategisches Sprungbrett für die jeweiligen Grossmächte jeder Epoche. Wer Zypern beherrschte, beherrschte einen wesentlichen Teil des östlichen Mittelmeers.

2. Vorgeschichte und Bronzezeit: Kupfer, Handel und die erste Hochkultur

Die ältesten Spuren menschlicher Präsenz auf Zypern stammen aus der Zeit um 10.000 vor Christus. Jäger und Sammler der Altsteinzeit erreichten die Insel und fanden eine Fauna vor, die sich ohne menschlichen Einfluss entwickelt hatte – darunter das Zyprische Zwergflusspferd (Phanourios minutis) und der Zwergelefant (Elephas cypriotes), die beide bald nach der Ankunft des Menschen ausstarben. Die ersten festen Siedlungen datieren auf die Jungsteinzeit, rund 8200 bis 3900 vor Christus.

Die neolithische Siedlung Choirokoitia (Khirokitia), etwa 40 Kilometer südwestlich von Nikosia, zählt zu den bedeutendsten prähistorischen Fundstätten des gesamten östlichen Mittelmeers und steht seit 1998 auf der UNESCO-Welterbeliste. Die gut erhaltenen Rundbaustrukturen, in denen Familien lebten, arbeiteten und ihre Toten unter den Böden bestatteten, geben einen einzigartigen Einblick in das Leben der frühesten Zyprioten.

Zur Blütezeit wurde die Bronzezeit (rund 2500 bis 1050 vor Christus). Zypern besass riesige Kupfervorkommen im Troodos-Gebirge, und der Name der Insel – Kypros im Griechischen – lebt in dem Wort Kupfer (lateinisch Cuprum) bis heute fort. Zyprisches Kupfer in Form von charakteristischen Ochsenhaut-Barren wurde im gesamten Mittelmeerraum gehandelt, wie Funde auf Sardinien, auf Lipari, in Ungarn und Palästina belegen. Diese Handelsnetze machten Zypern zu einem Knotenpunkt zwischen Ägypten, der Levante, Kreta und der Ägäis.

3. Phönizier und Griechen: die prägenden Kulturen der Antike

Phönizische Periode

Ca. 9.–6. Jahrhundert v. Chr.

Im 9. Jahrhundert vor Christus begannen die Phönizier, Händler aus dem heutigen Libanon und Syrien, Zypern systematisch zu besiedeln und in ihr Handelsnetzwerk einzubinden. Ihr bekanntestes Stadtgründungsprojekt auf der Insel war Kition, heute Larnaka. Die Phönizier errichteten in Kition einen Tempel für die Göttin Astarte – ein Bauwerk, das erst im 19. Jahrhundert von Archäologen freigelegt wurde und noch heute im Stadtbild sichtbar ist. Die Phönizier brachten die Technik der Eisengewinnung, neue Handelsrouten und ihre charakteristische Schrift mit, die als Vorläufer des griechischen und damit des gesamten westlichen Alphabets gilt. Phönizischer Einfluss ist in den Königsgräbern von Salamis nachweisbar, die zahlreiche phönizische Importgüter enthalten.

Die Ruinen des Palastes von Knossos
Griechische Besiedlung und Stadtkönigtümer

Ca. 11. Jahrhundert v. Chr. – 4. Jahrhundert v. Chr.

Ab dem 11. Jahrhundert vor Christus siedelten mykenische Griechen in wachsender Zahl auf Zypern und legten damit den Grundstein für die griechische Kulturprägung der Insel, die bis heute anhält. Sieben, später zehn Stadtkönigreiche bildeten sich heraus: Salamis, Paphos, Kition, Kourion, Amathus, Lapithos, Kyrenia, Marion, Soli und Tamassos. Diese Stadtkönigtümer prägten Münzen, errichteten Tempel, förderten Handel und Kunsthandwerk und führten selbstständig Kriege – wobei sie immer wieder zwischen griechischen, persischen und phönizischen Interessen lavieren mussten. Evagoras I. von Salamis (435–374 v. Chr.) gilt als der bedeutendste dieser Stadtfürsten: Er vereinte einen Grossteil Zyperns unter seiner Herrschaft, hielt die Perser in Schach und unterhielt enge Beziehungen zu Athen. Der athenische Redner Isokrates widmete ihm einen panegyrischen Lobpreis (Euagoras), der als eines der frühesten Beispiele politischer Biographik der Weltliteratur gilt.

4. Assyrer, Ägypter und Perser: Zypern als Spielball der Grossmächte

Zwischen dem 8. und dem 4. Jahrhundert vor Christus wurde Zypern nacheinander von den grössten Mächten des Alten Orients dominiert. Die Assyrer unter Sargon II. und Assarhaddon erhoben im 8. und 7. Jahrhundert Tributforderungen an die Stadtkönigreiche – die Namen von zehn zyprischen Königen sind auf einer assyrischen Stele aus Kition erhalten, ein wichtiges historisches Dokument. Ägypten übernahm die Kontrolle um 560 vor Christus unter dem Pharao Amasis, und ab etwa 540 vor Christus fiel Zypern für rund zweihundert Jahre unter persische Oberhoheit.

Die Perserherrschaft war die turbulenteste dieser Epochen. König Onesilus von Salamis führte einen Aufstand gegen die Perser an und verbündete sich mit den aufständischen Ioniern – ein Ereignis, das Herodot ausführlich in seinen Historien beschreibt. Der Aufstand scheiterte, Onesilus fiel in der Schlacht, aber sein Heldenmut blieb im kulturellen Gedächtnis Zyperns. Zu Zeiten des Darius III. galten zyprische und phönizische Seeleute als die besten der persischen Flotte – was zeigt, wie sehr die persische Herrschaft auf lokale Expertise angewiesen war. Als Alexander der Grosse gegen die Perser zu Felde zog, schlugen sich die meisten zyprischen Stadtkönigreiche auf seine Seite.

5. Alexander der Grosse, Ptolemäer und die hellenistische Zeit

332 vor Christus schickte die zyprische Flotte 120 Schiffe an Alexander den Grossen vor Sidon, ein Zeichen des Übertritts von der persischen auf die makedonische Seite. Alexander plante nach der Einnahme von Tyros einen Angriff auf Zypern, der sich jedoch erübrigte, weil die Insel bereits freiwillig kooperierte. Kulturell gewann das Griechentum unter Alexander erheblich an Bedeutung: Die zypriotische Silbenschrift, die jahrhundertelang neben der griechischen Alphabetschrift in Gebrauch gewesen war, verschwand in dieser Zeit allmählich.

Nach Alexanders Tod 323 vor Christus wurde Zypern in die Diadochenkämpfe hineingezogen und gelangte schliesslich unter die Herrschaft der Ptolemäer, der griechischstämmigen Pharaonen Ägyptens. Für mehr als 250 Jahre (332–58 v. Chr.) war Zypern eine privilegierte Provinz des ptolemäischen Ägyptens. Die Stadtkönigtümer wurden aufgelöst, durch ptolemäische Verwaltung ersetzt, und Salamis wurde zur Hauptstadt der Insel. Wirtschaftlich begann eine neue Blütezeit: Der Kupferexport florierte, der Schiffbau wuchs, und die hellenistische Kultur prägte Architektur, Bildhauerkunst und Geistesleben der Insel nachhaltig.

6. Römisches Zypern: Mosaiken, Apostel und Provinzhauptstadt

Römische Epoche

58 v. Chr. – 330 n. Chr.

58 vor Christus annektierten römische Truppen Zypern als Provinz. Paphos, im Südwesten der Insel, wurde zur Provinzhauptstadt und entwickelte sich zu einem der bedeutendsten kulturellen und administrativen Zentren des östlichen Mittelmeers. Die römische Herrschaft brachte Strassen, Aquädukte, Theater, Bäder und Verwaltungsstrukturen auf die Insel – und hinterliess in Paphos die bekanntesten antiken Überreste Zyperns: die Mosaiken der Villa des Theseus und des Hauses des Dionysos, die zu den schönsten erhaltenen Bodenmosaiken des gesamten Römischen Reiches zählen und seit 1980 auf der UNESCO-Welterbeliste stehen. 45 nach Christus besuchten der Apostel Paulus und Barnabas Zypern auf ihrer ersten Missionsreise und bekehrten den römischen Statthalter Sergius Paulus in Paphos zum Christentum – das erste Mal in der Geschichte, dass ein staatlicher Amtsträger des Römischen Reiches Christ wurde.

7. Byzanz: Christentum, Ikonenmalerei und arabische Angriffe

330 nach Christus fiel Zypern mit der Teilung des Römischen Reiches an Byzanz, das Ostrom, und blieb fast 900 Jahre lang unter byzantinischer Herrschaft (bis 1191). Diese Epoche war für die religiöse und kulturelle Identität der griechischen Zyprioten prägender als alle anderen: Das orthodoxe Christentum verwurzelte sich tief in der Bevölkerung, und Zypern erhielt mit der autokephalen Kirche von Zypern bereits 431 beim Konzil von Ephesos eine kirchliche Selbständigkeit, die bis heute fortbesteht – eine der ältesten autokephalen orthodoxen Kirchen der Welt.

Kulturell blühte die byzantinische Ikonenmalerei auf, und im Troodos-Gebirge entstanden zwischen dem 11. und 16. Jahrhundert jene einzigartigen bemalten Kirchen mit ihren strohgedeckten Schutzdächern, von denen zehn heute auf der UNESCO-Welterbeliste stehen. Die Fresken in Kirchen wie der Kirche des Heiligen Ioannis Lampadistis in Kalopanayiotis oder der Kirche der Panagia Forviotissa in Nikitari zählen zu den bedeutendsten byzantinischen Bildwerken ausserhalb Konstantinopels.

Die byzantinische Zeit war jedoch auch von Bedrohungen geprägt: Arabische Flotten überfielen Zypern im 7. und 8. Jahrhundert wiederholt und verwüsteten weite Teile der Insel. Salamis, einst die Metropole der Insel, wurde dabei so schwer zerstört, dass die Stadt nicht wieder aufgebaut wurde – aus ihren Trümmern entstand die nahe gelegene Stadt Famagusta.

8. Richard Löwenherz und die Kreuzritter: das Lusignan-Königreich

1191 landete Richard I. von England, bekannt als Richard Löwenherz, auf dem Weg zum Dritten Kreuzzug auf Zypern. Der byzantinische Inselfürst Isaak Komnenos hatte Schiffbrüchige seiner Flotte – darunter seine zukünftige Frau Berengaria von Navarra – schlecht behandelt, worauf Richard die Insel in weniger als drei Wochen militärisch unterwarf. Kurz darauf verkaufte er Zypern an den Templerorden, und dieser wiederum an Guy de Lusignan, den ehemaligen König von Jerusalem.

Unter der Lusignan-Dynastie (1192–1489) erlebte Zypern eine Periode kultureller und wirtschaftlicher Blüte. Die Lusignans etablierten das feudale Königreich Zypern, bauten gotische Kathedralen (die Kathedrale Saint Sophie in Nikosia, heute Selimiye-Moschee, und die Kathedrale Saint Nicolas in Famagusta, heute Lala Mustafa Pascha-Moschee), Burgen und Befestigungsanlagen. Kyrenia Castle, Buffavento, Kantara und Saint Hilarion – die Bergfestungen im Kyrenia-Gebirge – stammen aus dieser Zeit und sind noch heute eindrucksvoll erhalten. Zypern wurde zu einem wichtigen Handelsknotenpunkt der Kreuzfahrerstaaten und zog Kaufleute aus Genua und Venedig an.

Die gotischen Kathedralen von Nikosia und Famagusta stehen noch heute – als Moscheen umgewidmet, mit Minaretten versehen, aber in ihrer Grundstruktur so intakt, dass man die Meisterleistung der Lusignan-Baumeister noch immer bewundern kann.

9. Venezianische Herrschaft: Festungen gegen osmanische Macht

1489 fiel Zypern durch eine dynastische Erbschaft an die Republik Venedig. Die Venezianer erkannten schnell die wachsende Bedrohung durch das Osmanische Reich und begannen sofort, die bestehenden Befestigungsanlagen massiv auszubauen. Die vollständig erhaltenen venezianischen Stadtmauern um die Altstadt von Nikosia – ein kreisförmiges Bollwerk mit elf Bastionen, heute noch fast vollständig begehbar – und die gewaltigen Festungsanlagen von Famagusta gelten als Meisterwerke der Militärarchitektur des 15. und 16. Jahrhunderts.

Trotz dieser Befestigungen konnte Venedig die osmanische Übermacht nicht aufhalten. Nach einer langen, blutigen Belagerung fiel Famagusta 1571 an die Osmanen. Der Verteidiger der Stadt, Marcantonio Bragadin, wurde gefangen genommen, gefoltert und lebendig gehäutet – ein Ereignis, das in ganz Europa Entsetzen auslöste und zum Symbol des Widerstands gegen das Osmanische Reich wurde. Shakespeares Othello, so vermutet eine verbreitete Theorie, basiert auf einem venezianischen Offizier auf Zypern – und die Othello-Burg in Famagusta trägt diesen Namen bis heute.

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10. Das Osmanische Reich: 300 Jahre Herrschaft und kultureller Wandel

Von 1571 bis 1878 – fast dreihundert Jahre – stand Zypern unter osmanischer Herrschaft. Diese Epoche veränderte das demographische und religiöse Gesicht der Insel grundlegend: Türkische Siedler wurden aus Anatolien auf die Insel gebracht, die wichtigsten Kirchen und Kathedralen wurden zu Moscheen umgewidmet, und das islamische Rechtssystem ersetzte das venezianisch-feudale. Die griechisch-orthodoxe Bevölkerung behielt ihre Religion, ihre Sprache und ihre lokalen Gemeindestrukturen, stand aber unter osmanischer Oberhoheit.

Die osmanische Verwaltung nutzte die griechisch-orthodoxe Kirche als Mittlerinstanz: Der Erzbischof von Zypern wurde faktisch zum Ethnarch, zum politischen und religiösen Oberhaupt der griechischen Gemeinschaft – eine Rolle, die die Kirche bis ins 20. Jahrhundert beibehielt. Kulturell entstand in dieser Zeit eine eigenartige Schichtung: osmanische Moscheen und türkische Bäder (Hammams) neben griechischen Kirchen und venezianischen Festungsanlagen, die schlicht weitergenutzt wurden.

11. Britische Kolonialzeit: Moderne und Nationalismus

1878 übernahm Grossbritannien die Verwaltung Zyperns, zunächst auf Basis eines geheimen Abkommens mit dem Osmanischen Reich (Zypern blieb formal osmanisch), nach dem Ersten Weltkrieg als vollständige Kronkolonie (1925). Die Briten modernisierten die Insel tiefgreifend: Strassen, Eisenbahn, Schulen, Gerichte und eine moderne Verwaltung entstanden. Englisch wurde zur Amtssprache und ist bis heute auf Zypern allgegenwärtig.

Gleichzeitig wuchsen unter britischer Herrschaft die nationalistischen Bewegungen. Die griechischen Zyprioten strebten nach Enosis – der Vereinigung mit Griechenland – und die türkischen Zyprioten, die eine griechische Übernahme fürchteten, formierten sich politisch dagegen. Ab 1955 führte die EOKA (Nationale Organisation Zypriotischer Kämpfer) unter dem Militärführer Georgios Grivas einen bewaffneten Aufstand gegen die britische Herrschaft. 1960 wurde Zypern schliesslich unabhängig, mit einem komplexen Verfassungssystem, das sowohl griechischen als auch türkischen Zyprioten Machtteilhabe garantieren sollte.

12. Unabhängigkeit, Teilung und Gegenwart

Die Unabhängigkeit von 1960 löste die tiefen Spannungen zwischen den Gemeinschaften nicht. 1963 brachen interkommunale Gewalttaten aus, die UN schickte 1964 Friedenstruppen (UNFICYP), die bis heute auf der Insel stationiert sind. 1974 eskalierte die Krise dramatisch: Eine von der griechischen Militärjunta unterstützte Putschregierung in Nikosia wollte die Enosis erzwingen. Die Türkei intervenierte militärisch und besetzte den Norden der Insel, rund 37 Prozent des Territoriums. 1983 rief der Norden die Türkische Republik Nordzypern aus, die bis heute nur von der Türkei anerkannt wird.

Seitdem ist Nikosia die einzige geteilte Hauptstadt der Welt, durch eine UN-Pufferzone (Green Line) in zwei Hälften geteilt. Seit 2003 können Zyprioten und Touristen die Grenzübergänge passieren. Die Republik Zypern trat 2004 der Europäischen Union bei – formal für die gesamte Insel, de facto nur für den Süden. Wiederholte Verhandlungen über eine Wiedervereinigung sind bisher gescheitert, zuletzt 2017 in Crans-Montana.

13. Antike Bauwerke und archäologische Stätten, die erhalten sind

Zypern gilt als Freilichtmuseum der Mittelmeergeschichte. Die folgende Übersicht zeigt die bedeutendsten erhaltenen Stätten je Epoche:

UNESCO-Welterbestätten

  • Neolithische Siedlung Choirokoitia (Khirokitia): Rundbaustrukturen aus der Jungsteinzeit (ca. 7000 v. Chr.), teilweise rekonstruiert; eine der bedeutendsten prähistorischen Stätten Europas.
  • Archäologische Stätten und Altstadt von Paphos (UNESCO seit 1980): Königsgräber, Mosaiken des Hauses des Dionysos und der Villa des Theseus (1.–4. Jh. n. Chr.), Odeon, Asclepios-Tempel, Grabanlage von Nea Paphos.
  • Bemalte Kirchen im Troodos-Gebirge (UNESCO seit 1985, 2001 erweitert): Zehn Kirchen mit byzantinischen Fresken aus dem 11.–16. Jahrhundert, darunter Asinou, Ioannis Lampadistis, Panagia Podithou.

Griechisch-römische Stätten

  • Kourion: Gut erhaltenes griechisch-römisches Theater (2. Jh. n. Chr.), Bäder, Mosaiken, Aphroditetempel; auf einem Kliff über dem Meer, einer der eindrucksvollsten antiken Fundorte der Insel.
  • Salamis: Antike Hauptstadt der Insel; Gymnasium, Theater, Agora, Kolonnaden, Königsgräber – weitläufiges Freigelände nördlich von Famagusta (im besetzten Nordteil).
  • Amathus: Alter Stadtstaatensitz nahe Limassol; Tempel der Aphrodite, Agora, Hafenanlagen.
  • Kolossi Castle (Kreuzritter, 15. Jh.) und Kolosseum von Kourion gehören zu den architektonischen Fixpunkten der Südküste.

Mittelalterliche und venezianische Bauten

  • Venezianische Stadtmauern Nikosia: Kreisförmiges Bollwerk mit elf Bastionen, fast vollständig erhalten; heute noch die Grenze zwischen Alt- und Neustadt.
  • Othello-Turm (Burg Famagusta): venezianischer Festungsturm aus dem 14. Jh., inoffiziell mit Shakespeares Othello verbunden; im Norden.
  • Bellapais-Abtei: Gotische Zisterzienserklosteranlage bei Kyrenia aus dem 13. Jahrhundert; eine der schönsten mittelalterlichen Ruinen des Mittelmeers.
  • Bergburgen Buffavento, Kantara, Saint Hilarion: Kreuzritterfestungen im Kyrenia-Gebirge, im Norden gelegen; Saint Hilarion gilt als Vorbild für Schloss Neuschwanstein.
  • Kathedrale Saint Sophie Nikosia (heute Selimiye-Moschee): Gotische Kathedrale aus dem 13. Jh., nach 1571 zur Moschee umgewandelt; beeindruckendes Beispiel des Kulturschichtenwechsels.
Besuch Nordzypern

Viele der bedeutendsten antiken Stätten – Salamis, Bellapais, Saint Hilarion, Famagusta Altstadt – liegen im von der Türkei kontrollierten Nordteil der Insel. Touristen aus dem Süden können die Grenzübergänge in Nikosia und an anderen Punkten passieren. Ein Tagesausflug in den Norden ist problemlos möglich und kulturell ausgesprochen lohnend.

14. Sprache und Literatur

Die zyprischen Sprachen

Die Sprachsituation auf Zypern spiegelt die komplexe Geschichte der Insel wider. Griechisch in der zypriotischen Variante ist die Hauptsprache des Südens – ein Dialekt, der sich durch archaische Elemente, türkische Lehnwörter und eine eigene Phonetik deutlich vom Standardgriechischen unterscheidet und für Festlandgriechen manchmal kaum verständlich ist. Die zypriotische Silbenschrift, eine der ältesten Schriften der Region, wurde auf der Insel bis ins 3. Jahrhundert vor Christus verwendet – parallel zum griechischen Alphabet.

Türkisch wird im Norden gesprochen, ebenfalls in einer eigenständigen Dialektvariante. Englisch ist historisch bedingt als dritte Sprache auf der gesamten Insel verbreitet, in Werbung, Schildern, Gastronomie und Verwaltung allgegenwärtig – ein sichtbares Erbe der britischen Kolonialzeit.

Literarische Tradition

Die literarische Tradition Zyperns reicht von der Antike bis zur Gegenwart. In der Antike schrieb der athenische Redner Isokrates seinen Euagoras, den ersten politischen Biographietext der griechischen Literatur, über den zyprischen König Evagoras I. von Salamis. Im Mittelalter entstanden auf Zypern bedeutende Chroniken, darunter das Chronicon Cyprium des Leonidas Macheras (15. Jahrhundert) und das Werk des Georgi Bustron, die die Lusignan-Epoche aus zyprischer Perspektive dokumentieren.

Im 20. Jahrhundert war der griechisch-zypriotische Dichter Kostas Montis (1914–2004) die bedeutendste literarische Stimme der Insel: Seine Gedichte und Prosawerke verarbeiten die Erfahrung der Teilung von 1974 mit einer Direktheit und Trauer, die in der griechischen Literatur des 20. Jahrhunderts einzigartig ist. Sein bekanntestes Werk, die Gedichtsammlung Akroasis, wurde in mehrere Sprachen übersetzt.

15. Bekannte Persönlichkeiten aus der Geschichte Zyperns

Person Epoche / Bereich Bedeutung
Zenon von Kition 335–263 v. Chr., Philosophie Begründer der Stoa, einer der einflussreichsten Philosophenschulen der Antike; in Kition (Larnaka) geboren
Evagoras I. von Salamis 435–374 v. Chr., Politik Bedeutendster Stadtfürst Zyperns; vereinte die Insel, hielt Perser in Schach; von Isokrates biographiert
Barnabas von Zypern 1. Jh. n. Chr., Christentum Apostel und Mitbegründer des Christentums auf Zypern; erste Missionsreise mit Paulus; Heiliger der orthodoxen Kirche
Guy de Lusignan 1150–1194, Militär/Politik Erster König des Königreichs Zypern; begründete die Lusignan-Dynastie, die 300 Jahre herrschte
Katarina Cornaro 1454–1510, Politik Letzte Königin Zyperns; venezianische Adlige, übergab 1489 die Insel an Venedig; ihr Leben inspirierte Opern und Dramen
Makarios III. 1913–1977, Politik/Religion Erzbischof und erster Präsident der unabhängigen Republik Zypern; prägte die Geschichte des 20. Jahrhunderts entscheidend
Kostas Montis 1914–2004, Literatur Bedeutendster zypriotischer Dichter und Prosalist; Stimme der Teilung und des griechisch-zypriotischen Gedächtnisses
Glafkos Klerides 1919–2013, Politik Präsident der Republik Zypern 1993–2003; Schlüsselfigur in den Wiedervereinigungsverhandlungen

Unter den antiken Persönlichkeiten verdient Zenon von Kition besondere Erwähnung: Der um 335 vor Christus in Kition (dem heutigen Larnaka) geborene Sohn eines phönizischen Kaufmanns begründete in Athen die Stoa, eine Philosophenschule, deren Einfluss auf das westliche Denken bis heute nicht zu überschätzen ist. Stoizismus als Lebenshaltung, als Ethik des vernünftigen Gleichmuts angesichts des Unabänderlichen, geht auf diesen zypriotischen Phönizier zurück, der in der Stoa Poikile (der Bunten Halle) auf der Athener Agora lehrte.

Zypern ist mehr als eine Insel. Es ist eine Schnittstelle der Geschichte, ein Ort, an dem Phönizier und Griechen, Römer und Apostel, Kreuzritter und Osmanen, Venezianer und Briten nicht nacheinander gekommen und gegangen sind, sondern sich überlagert, vermischt und in Stein verewigt haben. Wer Zypern bereist, liest in einem Buch, das zehntausend Jahre alt ist und dessen letzte Seite noch immer nicht geschrieben wurde.

Bilder:  Aphrodite Hills Resort

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