LEICHTATHLETIK | EUROPAMEISTERSCHAFTEN 2026

Leichtathletik-EM Birmingham 2026: Retrospektive, Ergebnisse, Highlights und internationale Einordnung

Sieben Wettkampftage, 52 Entscheidungen, rund 1.600 Athletinnen und Athleten aus ganz Europa: Die 27. Leichtathletik-Europameisterschaften im Alexander Stadium Birmingham sind Geschichte. Was bleibt – sportlich, organisatorisch und im europäischen Vergleich?

Als am Abend des 16. August 2026 das letzte Staffelrennen im Alexander Stadium von Birmingham über die Ziellinie ging und damit die 52. und letzte Medaille der 27. Leichtathletik-Europameisterschaften vergeben war, hatte diese Veranstaltung sowohl sportliche Glanzpunkte als auch erhebliche organisatorische Kritik hinter sich. Italien gewann den Nationenwettbewerb mit 10 Goldmedaillen knapp vor Gastgeber Großbritannien. Deutschland erlebte seine stärkste EM seit Jahren und übertraf das Gesamtergebnis von München 2022. Armand Duplantis sprang erneut in eine Klasse für sich. Und doch blieb ein schaler Beigeschmack: Zu viele Ränge blieben leer, die Ticketpreise sorgten für internationale Schlagzeilen aus den falschen Gründen.

Diese Retrospektive ordnet die EM Birmingham 2026 ein – sportlich, organisatorisch und aus einer bewusst über den deutschsprachigen Tellerrand hinausgehenden europäischen Perspektive. Sie beleuchtet die größten Leistungen, die spannendsten Disziplinen, die Gewinner und Verlierer des Nationenwettbewerbs und fragt, was diese EM über den Zustand der europäischen Leichtathletik und ihre Fähigkeit zur Selbstvermarktung aussagt.

Inhalt auf einen Blick

  1. Das Turnier im Überblick: Alexander Stadium, Fakten, Format
  2. Der Medaillenspiegel: Italien vorn, Deutschland stark, Großbritannien unter Druck
  3. Die sportlichen Höhepunkte: Sieben Tage, sieben Momente
  4. Disziplin für Disziplin: Ergebnisse und Einordnung
  5. Das deutsche Team: beste EM-Bilanz seit München 2022
  6. Der internationale Blick: Wie Europa die EM beurteilte
  7. Organisation und Atmosphäre: das kontroverse Birmingham-Erlebnis
  8. Ausblick: WM 2027 Peking und EM 2028 Chorzów

1. Das Turnier im Überblick: Alexander Stadium, Fakten, Format

Merkmal Details
Offizielle Bezeichnung 27. Leichtathletik-Europameisterschaften / European Athletics Championships 2026
Austragungsort Alexander Stadium, Birmingham, England, Großbritannien
Datum 10. bis 16. August 2026 (sieben Wettkampftage)
Stadionkapazität Ca. 18.000 Zuschauerplätze
Entscheidungen 52 Medaillenwettbewerbe (ursprünglich angekündigt: 50; zwei wurden ergänzt)
Erstmals in Großbritannien Erste Leichtathletik-EM auf britischem Boden überhaupt
Athletinnen und Athleten Ca. 1.600 aus rund 50 europäischen Nationen
Siegernation Medaillenspiegel Italien (10 Gold, 6 Silber, 6 Bronze = 22 Medaillen gesamt)
Zweite Nation Großbritannien (9 Gold, 8 Silber, 2 Bronze = 19 Medaillen)
Nächste EM 2028 in Chorzów, Polen (Schlesisches Stadion); WM 2027 in Peking dazwischen

Für Großbritannien und die europäische Leichtathletik-Organisation war die Vergabe an Birmingham ein Statement: Die erste EM auf britischem Boden sollte zeigen, dass die Leichtathletik in einem der traditionsreichsten Sportnationen der Welt heimisch ist. Das Alexander Stadium, 2022 für die Commonwealth Games grundlegend renoviert, bot dafür eine moderne, gut ausgestattete Kulisse. Ob der Anlass der Kulisse würdig war, darüber lässt sich trefflich streiten.

2. Der Medaillenspiegel: Italien vorn, Deutschland stark, Großbritannien unter Druck

Rang Nation Gold Silber Bronze Gesamt
1 Italien 10 6 6 22
2 Großbritannien 9 8 2 19
3 Deutschland 7 8 6 21
4 Frankreich 4 3 5 12
5 Niederlande 4 3 3 10
6 Schweiz 3 3 1 7
7 Norwegen 3 2 2 7
8 Ukraine 2 3 4 9
9 Griechenland 2 1 2 5
10 Spanien 1 3 3 7

 

Der Nationenwettbewerb wurde erst in der allerletzten Entscheidung des Abschlussabends entschieden. Das Staffelrennen der Männer über 4×400 Meter brachte Italien durch einen Vorsprung von drei Hundertsteln vor dem britischen Schlussläufer Lorenzo Benatis zehnte Goldmedaille – und damit den Sieg im Gesamtklassement. Großbritannien, das mit dem Heimvorteil und lautstarker Unterstützung der verbleibenden Tribünengäste in das Finale gegangen war, musste sich mit dem zweiten Platz abfinden.

Italiens zweiter Medaillenspiegel-Sieg in Folge – nach den Heimspielen in Rom 2024 (11 Gold, 9 Silber, 4 Bronze) – belegt die außergewöhnliche Tiefe des italienischen Leichtathletik-Nachwuchses. Mit Marcell Jacobs im Kurzsprint, Lorenzo Simonelli und anderen jungen Stars bildet Italien derzeit die stärkste Gesamtnation der europäischen Leichtathletik. Deutschland landete auf dem dritten Platz im Goldmedaillen-Ranking, übertraf aber mit 21 Gesamtmedaillen sowohl die Münchner EM 2022 (16 Medaillen, 7 Gold) als auch die Römer EM 2024 (11 Medaillen, 1 Gold). Die Schweiz erreichte mit Platz sechs (3 Gold, 3 Silber, 1 Bronze) ein starkes Ergebnis, das knapp unter dem Allzeit-Rekord von Rom (9 Medaillen) blieb.

3. Die sportlichen Höhepunkte: Sieben Tage, sieben Momente

Tag 1–2: Eröffnung und erste Entscheidungen

Die Eröffnungstage brachten die ersten deutschen Medaillen und stellten die Weichen für eine starke Gesamtbilanz. Der Aufbau des Turniers – mit Vorläufen und Qualifikationen am Tag und Finals am Abend – schuf den für Leichtathletik-Großereignisse typischen Rhythmus aus Spannung und Eskalation.

Gesa Krause: Gold im Hindernislauf der Frauen

Gesa Krause krönte ihre Karriere mit einem weiteren europäischen Titel über 3.000 Meter Hindernis. Die erfahrene Läuferin aus Trier, die schon bei mehreren EM-Auflagen zu den Stammgästen auf dem Podest gehörte, bewies einmal mehr ihre Klasse auf internationalem Parkett. Ihr Sieg war einer der emotionalsten Momente der gesamten Veranstaltung.

Leo Neugebauer und Niklas Kaul: Zehnkampf Doppeltriumph

Zehnkampf Weltmeister Leo Neugebauer krönte sich in Birmingham auch zum Europameister – und ließ damit Doubts, die nach einem schwierigen Vorjahr aufgekommen waren, vollständig verstummen. Teamkollege Niklas Kaul rundete das Ergebnis mit einer weiteren Medaille ab. Der deutsche Doppelerfolg im Zehnkampf war einer der prägnantesten Beiträge zur deutschen Gesamtbilanz. Trotz eines organisatorischen Messfehlers beim Stabhochsprung im Zehnkampf – der in Großbritannien scharf kritisiert wurde – blieb Neugebauer unbeeindruckt und lieferte einen Start-Ziel-Sieg.

Frederik Ruppert: Gold über 3.000 Meter Hindernis der Männer

Drei Tage nach Gesa Krauses Triumph lief auch Frederik Ruppert zu Gold über 3.000 Meter Hindernis. Karl Bebendorf holte Bronze. Das Hindernis-Doppel von Krause und Ruppert wurde zum Leitmotiv der deutschen EM-Woche und unterstrich, dass diese Disziplin derzeit eine der stärksten deutschen Leichtathletik-Sparten auf europäischem Niveau ist.

Armand Duplantis: Stabhochsprung Gold ohne Gegner

Armand Duplantis, der schwedische Ausnahmestabspringer, gewann erwartungsgemäß Gold im Stabhochsprung. Überraschung gab es keine – der Weltrekordhalter ist seit Jahren in einer Klasse für sich. Ob er in Birmingham seinen nächsten Weltrekordversuch unternehmen würde, war eine der meistdiskutierten Fragen im Vorfeld. Der Schwede sprang zuverlässig zu Gold, ließ den großen Rekordversuch aber aus. Duplantis ist die unbestrittene Hauptattraktion der europäischen Leichtathletik, und seine Starts sind die verlässlichsten Publikumsmagneten.

Malaika Mihambo: knapp an der Medaille vorbei

Weitspringerin Malaika Mihambo, dreifache Europameisterin und eine der bekanntesten deutschen Leichtathletik-Persönlichkeiten, verpasste in Birmingham eine Medaille – ein überraschendes Ergebnis, das breite Diskussionen auslöste. Mihambo selbst äußerte sich kämpferisch und verwies darauf, dass sie noch mehr in sich sieht. Der Sieg im Weitsprung der Frauen ging an eine andere Athletin; Mihambo blieb unter ihren Möglichkeiten.

Owen Ansah: Historisches im Kurzsprints

Owen Ansah schaffte Historisches mit Gold über 200 Meter und Bronze über 100 Meter – ein Doppelerfolg, der in der Geschichte des deutschen Sprints seinesgleichen sucht. Der Hamburger wurde damit zur prägenden Figur des deutschen Kurzsprints und lieferte Momente, die weit über die Fachöffentlichkeit hinaus wahrgenommen wurden. Allerdings wurde gleichzeitig berichtet, dass ein NADA-Verfahren aufgrund eines mutmaßlich verweigerten Dopingtests anhängig ist – ein Schatten über einem sportlich außergewöhnlichen Auftritt.

Julian Weber: Speerwurf-Gold nach Überzeugungsarbeit

Julian Weber gewann Gold im Speerwurf der Männer und beschrieb es als das stärkste Gefühl seiner Karriere. Weber war einer der erfahrensten deutschen Starter in Birmingham und lieferte im Finale eine technisch starke Leistung ab. Teamkollegin Julia Ulbricht gewann im Speerwurf der Frauen die Silbermedaille.

4. Disziplin für Disziplin: Ausgewählte Ergebnisse und Einordnung

Disziplin Europameister/in Nation Bemerkung
Stabhochsprung Männer Armand Duplantis Schweden Erwarteter Sieg; kein Weltrekordversuch
Weitsprung Männer Miltiadis Tentoglou Griechenland Olympiasieger bestätigt europäische Dominanz
3000 m Hindernis Männer Frederik Ruppert Deutschland 8:25,33 min; Karl Bebendorf Bronze
3000 m Hindernis Frauen Gesa Krause Deutschland Weiterer EM-Titel für Routiniere aus Trier
Zehnkampf Leo Neugebauer Deutschland Weltmeister krönt sich auch zum Europameister
Marathon Männer Amanal Petros Deutschland Souveräner Sieg; deutsches Team holt Silber
Speerwurf Männer Julian Weber Deutschland Gold; Weber nennt es sein stärkstes Erlebnis
Speerwurf Frauen Sara Kolak Kroatien 62,43 m; Julia Ulbricht (D) holt Silber
Kugelstoßen Frauen (Top-Ergebnis) (Nation) Yemisi Mabry (D) holt Bronze
200 m Männer Owen Ansah Deutschland Historisch: auch Bronze über 100 m
800 m Frauen Keely Hodgkinson Großbritannien Paris-Olympiasiegerin vor Heimkulisse
4×400 m Männer (Staffel) Italien Italien Entschied den Nationenwettbewerb in der letzten Entscheidung
4×100 m Mixed Großbritannien Großbritannien Amy Hunt holt vierten Titel in Birmingham
Hochsprung Frauen Jaroslawa Mahutschich Ukraine Weltrekordlerin und Olympiasiegerin dominiert

Die Disziplinbreite der Europameisterschaften ist ein Qualitätsmerkmal, das die EM von anderen regionalen Leichtathletik-Events unterscheidet. Mit 52 Entscheidungen – von klassischen Laufdisziplinen über Würfe und Sprünge bis zu Mehrkampf, Gehen und Marathon – bietet die EM ein vollständiges Bild des europäischen Leistungsstands in der Breite. Besonders stark präsentierte sich in Birmingham die Mittelstrecke der Frauen, mit Keely Hodgkinson als strahlendem Mittelpunkt vor eigenem Publikum.

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5. Das deutsche Team: stärkste EM-Bilanz seit Jahren

Mit sieben Goldmedaillen und 21 Gesamtmedaillen erlebte das deutsche Leichtathletik-Team in Birmingham seine stärkste Europameisterschaft seit der Heim-EM in München 2022 – und übertraf das Münchner Ergebnis in der Gesamtmedaillenzahl sogar. Nach der schwachen Bilanz von Rom 2024 (nur eine Goldmedaille durch Malaika Mihambo, Platz zwölf im Medaillenspiegel) war das Birminghamer Ergebnis eine eindrucksvolle Trendwende.

Speerwerfer Julian Weber fasste die Stimmung im Team treffend zusammen: Die deutsche Leichtathletik befinde sich in einem starken Aufwärtstrend, es komme viel gutes aus dem Nachwuchs nach. Weber lobte den Zusammenhalt im Team und die Leistungsbereitschaft der jüngeren Generation. Der Zehnkampf-Doppelerfolg durch Neugebauer und Kaul, der Hindernislauf-Doppeltriumph durch Krause und Ruppert, Ansahs historischer Kurzsprintsieg und Webers Speerwurf-Gold bildeten die Eckpfeiler einer Gesamtleistung, die Deutschland auf Platz drei im Goldmedaillen-Ranking brachte.

Zu den wenigen Enttäuschungen gehörte das Abschneiden von Malaika Mihambo, die im Weitsprung trotz Favoritenstatus ohne Medaille blieb. Ob das Ergebnis eine Momentaufnahme oder ein Trend ist, wird sich bis zur WM 2027 in Peking zeigen. Die Mixed-Staffel über 4×100 Meter verfehlte Gold nur knapp und holte Silber – ebenfalls ein gutes Zeichen für die Sprintbreite im deutschen Kader.

6. Der internationale Blick: Wie Europa die EM Birmingham beurteilte

Jenseits der deutschen Perspektive war das Urteil über Birmingham 2026 in der europäischen Sportpresse gemischt – mit Bewunderung für einzelne athletische Leistungen, aber erheblicher Skepsis gegenüber der Veranstaltungsorganisation.

Italiens zweiter Triumph: europäisches Staunen über die Tiefe

In der italienischen Sportpresse wurde der zweite Medaillenspiegel-Sieg in Folge als Bestätigung des nationalen Leichtathletik-Aufschwungs gefeiert, der mit dem Olympiasieg von Marcell Jacobs in Tokio 2021 begonnen hatte. Internationale Kommentare lobten die Breite des italienischen Aufgebots – Gold in Disziplinen von Sprint bis Mittelstrecke, von Stab bis Wurf. Dass Italien die EM nach Rom 2024 auch im Ausland gewann, wurde als Beweis der nachhaltigen Stärke gewertet.

Großbritannien: Heimvorteil ohne Heimatmosphäre

Für britische Medien war Birmingham ein zwiespältiges Erlebnis. Die sportlichen Leistungen des Gastgebers – Platz zwei im Medaillenspiegel, Keely Hodgkin als Favoritin und Siegerin über 800 Meter, Amy Hunt mit vier Titeln – wurden gefeiert. Die Atmosphäre im Stadion und die organisatorischen Mängel wurden dagegen scharf kritisiert. Kommentatoren verglichen Birmingham mit der WM 2017 in London, die als leuchtende Referenzveranstaltung gilt, und mussten feststellen, dass der Vergleich zu Ungunsten Birminghams ausfiel.

Schweizer und österreichische Perspektive

Die Schweiz beendete die EM auf dem starken sechsten Platz im Nationenwettbewerb mit drei Goldmedaillen. Die Schweizer Sportpresse hob hervor, dass das Ergebnis zwar knapp unter dem Allzeit-Rekord von Rom blieb, aber erneut die außergewöhnliche Leistungsdichte eines kleinen Landes in der europäischen Leichtathletik belegt. Die Mixed-Staffel verpasste eine Medaille nur knapp (Platz vier, Landesrekord). Österreich präsentierte sich solide ohne herausragende Einzelergebnisse.

Die Frage nach dem Stellenwert der EM

Über nationale Grenzen hinweg stellten Kommentatorinnen und Kommentatoren die grundsätzlichere Frage, welchen Stellenwert die Leichtathletik-EM im europäischen Sportkalender hat und haben kann. Zwischen Olympischen Spielen und Weltmeisterschaften kämpft die EM um Aufmerksamkeit – und braucht dafür entweder eine herausragende Organisation, spektakuläre Wettkampfleistungen oder beides. Birmingham lieferte beides zum Teil, aber nicht konsequent genug.

7. Organisation und Atmosphäre: das kontroverse Birmingham Erlebnis

Die organisatorische Bewertung der EM Birmingham 2026 fiel in der Sportpresse Europas deutlich kritischer aus als die sportliche Würdigung. Mehrere Problembereiche wurden identifiziert und diskutiert.

Das Ticketpreis-Problem: leere Ränge als Warnsignal

Das auffälligste Bild der ersten Wettkampftage war nicht ein Goldmedaillen-Jubel, sondern die weitgehend leeren Ränge im Alexander Stadium. Bei den Abendsessions, für die Tickets bis zu 150 Pfund (rund 175 Euro) auf der Haupttribüne kosteten, blieb ein erheblicher Teil der 18.000 Plätze unbesetzt. Jugendtarife fehlten, Familienangebote waren kaum vorhanden. Der frühere Fußballprofi und Birminghamer Stan Collymore beschrieb die Preise als vollständig weltfremd und fragte öffentlich, wen solche Preisgestaltungen ansprechen sollen.

Die Veranstalter verteidigten sich: Fünfzig Prozent der Tickets hätten 30 Pfund oder weniger gekostet, Erwachsenenangebote hätten bei zehn Pfund begonnen. Die Ticketverkäufe hätten die Erwartungen übertroffen. Dieser Widerspruch zwischen offiziellen Verlautbarungen und dem visuellen Eindruck leerer Tribünen blieb unaufgelöst und prägte das internationale Bild der Veranstaltung stärker als viele sportliche Ergebnisse.

Technische Pannen und Messungsfehler

Mehrere technische Unregelmäßigkeiten trübten das Gesamtbild. Beim Stabhochsprung im Rahmen des Zehnkampfs kam es zu einem Messfehler – die Latte wurde in einer Höhe gewertet, die so nicht korrekt war. Zehnkampf-Sieger Leo Neugebauer reagierte mit bemerkenswerter Gelassenheit, aber Fachleute und Kommentatoren listeten den Vorfall oben auf der Rangliste organisatorischer Ungereimtheiten. Der Gesamteindruck war der eines Events, das an einzelnen Stellen unter dem Niveau einer Veranstaltung dieser Bedeutung blieb.

Anbindung und Stadtbild

Kritisiert wurden auch die späten Endzeiten der Abendsessions (die letzte Entscheidung fiel nach 21:50 Uhr) und die eingeschränkte Anbindung des Alexander Stadiums an den öffentlichen Nahverkehr. Im Stadtbild Birminghams selbst war von der Veranstaltung wenig zu spüren – Fahnen, Werbung und das für Großereignisse typische öffentliche Flair fehlten. Kritiker monierten, dass Birmingham nicht genug getan habe, um auch Gelegenheitsfans und die allgemeine Öffentlichkeit in das Stadion oder in die Stimmung der Veranstaltung zu holen.

Einordnung

Alle Kritikpunkte stehen in einem anderen Licht, wenn man die sportliche Qualität der Wettkämpfe dagegenstellt – die war hoch. Es bleibt die Frage, ob eine Leichtathletik-EM in Großbritannien besser vermarktet werden kann als geschehen. Die Antwort ist eindeutig ja.

8. Ausblick: WM 2027 Peking und EM 2028 Chorzów

Birmingham 2026 war das vorletzte große Leichtathletik-Championat vor den Olympischen Spielen 2028 in Los Angeles. Die nächste Weltmeisterschaft findet 2027 in Peking statt – ein hochkarätiger Austragungsort, der der Leichtathletik globale Aufmerksamkeit verschaffen dürfte. Die nächste Europameisterschaft folgt 2028 in Chorzów, Polen, wo das Schlesische Stadion mit seiner langen Sportgeschichte eine ganz andere Veranstaltungskultur in Aussicht stellt als das Alexander Stadium.

Für das deutsche Team bedeutet Birmingham eine starke Ausgangsbasis. Neugebauer wird 2028 in Los Angeles im besten Zehnkampf-Alter sein. Ansah – je nach Ausgang des NADA-Verfahrens – hat bewiesen, dass er im europäischen Kurzsprint an der Spitze mitlaufen kann. Krause und Ruppert haben die deutsche Hindernis-Tradition lebendig gehalten. Weber bleibt einer der verlässlichsten Speerwurf-Europameister seiner Generation. Die Frage ist, ob Mihambo ihre Klasse zurückfindet – und ob der Nachwuchs, den Weber in Birmingham lobte, den nächsten Entwicklungsschritt rechtzeitig vollzieht.

Für die europäische Leichtathletik als Ganzes stellt sich die Frage, wie die EM attraktiver gemacht werden kann – für Zuschauer, für Sponsoren und für ein jüngeres Publikum. Birmingham hat gezeigt, dass selbst in einem der sportverrücktesten Länder der Welt eine Leichtathletik-EM keine Selbstläuferin ist. Die organisatorischen Lektionen aus Birmingham sollten in Chorzów konsequent beherzigt werden.

Birmingham 2026 war keine makellose Europameisterschaft. Aber sie war eine sportlich starke, deren Ergebnisse Bestand haben werden: Italiens zweiter Triumph in Folge als Beleg europäischer Stärkenvielfalt. Deutschlands beeindruckende Trendwende. Duplantis als Maßstab der Möglichen. Und Keely Hodgkinson als Verkörperung dessen, was Leichtathletik im eigenen Land sein kann, wenn das Umfeld stimmt. Das Umfeld hat in Birmingham nicht immer gestimmt. Die Athletinnen und Athleten haben es trotzdem.

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