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Friedrich II.: Stupor Mundi – der klügste Kaiser des Mittelalters

Verfasser des ersten wissenschaftlichen Vogelkunde-Werks der Geschichte, König von Sizilien, Jerusalem und Deutschland, Kreuzzugsführer ohne Schwertstreich, Freund des arabischen Sultans, Antichrist für den Papst und Staunen der Welt für alle anderen: Friedrich II. war die außergewöhnlichste Herrscherpersönlichkeit des gesamten europäischen Mittelalters.

Wenn man fragt, wer der klügste Herrscher Deutschlands aller Zeiten war, führt kein Weg an Friedrich II. vorbei. Der Stauferkaiser, der von 1220 bis zu seinem Tod 1250 das Heilige Römische Reich regierte, war eine Persönlichkeit, die sich in keine Schublade des Mittelalters einfügen lässt. Er sprach sechs Sprachen – Latein, Griechisch, Arabisch, Altfranzösisch, Mittelhochdeutsch und Sizilianisch. Er schrieb das erste wissenschaftliche ornithologische Werk der Geschichte. Er führte einen Kreuzzug durch, ohne eine einzige Schlacht zu schlagen. Er war mit dem islamischen Sultan von Ägypten befreundet. Er gründete eine der ersten Universitäten Europas. Er erließ die erste weltliche Rechtskodifikation des Mittelalters. Und er legte mit dem Sizilianischen Dichterkreis an seinem Hof den Grundstein für die gesamte italienische Literatursprache.

Seine Zeitgenossen nannten ihn stupor mundi – das Staunen der Welt. Päpste exkommunizierten ihn mehrfach und bezeichneten ihn als Bestie und Antichrist. Die Nachwelt sieht ihn als einen der ersten Menschen der Renaissance, gut 200 Jahre bevor die Renaissance in Florenz begann. Dieser Blog erzählt die Geschichte dieses außergewöhnlichen Herrschers – von seiner chaotischen Kindheit in Sizilien über die Wiedergewinnung Jerusalems im Verhandlungsweg bis zum Falkenbuch, dem Castel del Monte und dem Ende des staufischen Hauses.

Inhalt auf einen Blick

  1. Friedrich II. auf einen Blick: Daten, Titel, Herrschaftsgebiete
  2. Kindheit in Sizilien: Waise, König und Mündel des Papstes
  3. Das Königreich Sizilien: Normannen, Araber und Griechen
  4. Aufstieg zur Kaiserwürde: von Palermo nach Aachen
  5. Der Hof von Palermo: ein Musenhof zwischen Orient und Okzident
  6. Der Kreuzzug ohne Schwertstreich: Jerusalem durch Verhandlung
  7. Das Falkenbuch: De arte venandi cum avibus
  8. Konstitutionen von Melfi: die erste weltliche Rechtskodifikation
  9. Castel del Monte und die Bauten Friedrichs
  10. Der Kampf mit dem Papsttum: Exkommunikation und Kirchenbann
  11. Sardinien und die Herrschaft über das westliche Mittelmeer
  12. Friedrichs Persönlichkeit: Wissenschaftler, Dichter, Despot
  13. Das Ende der Staufer: Nachfolger und Untergang
  14. Das Erbe Friedrichs II.: was bis heute nachwirkt

 

1. Friedrich II. auf einen Blick: Daten, Titel, Herrschaftsgebiete

Merkmal Details
Geburt 26. Dezember 1194 in Jesi bei Ancona, Italien
Tod 13. Dezember 1250, Castel Fiorentino bei Lucera, Königreich Sizilien
Geschlecht Staufer (Hohenstaufen); Enkel Friedrich Barbarossas
Mutter Konstanze von Sizilien, Erbin des normannischen Königreichs Sizilien
Vater Kaiser Heinrich VI. (Staufer)
Titel König von Sizilien (ab 1198), König von Deutschland (ab 1212), Kaiser des HRR (ab 1220), König von Jerusalem (ab 1229)
Sprachen Latein, Griechisch, Arabisch, Altfranzösisch, Mittelhochdeutsch, Sizilianisch
Hauptresidenz Palermo, Sizilien; verbrachte 28 seiner 39 Regierungsjahre in Italien
Werk De arte venandi cum avibus (Falkenbuch), um 1241–1248
Exkommunizierungen Dreimal durch Papst Gregor IX. und Innozenz IV.
Beiname Stupor Mundi (Staunen der Welt); auch: Puer Apuliae (Kind Apuliens)

Friedrich II. vereinte in seiner Person eine Kombination von Titeln, Herrschaftsgebieten und intellektuellen Interessen, die im Mittelalter absolut einzigartig war. Kein anderer europäischer Herrscher des 13. Jahrhunderts sprach sechs Sprachen, schrieb ein wissenschaftliches Buch, führte einen Kreuzzug diplomatisch statt militärisch, unterhielt einen multikulturelle Hof und reformierte gleichzeitig das Rechtssystem seines Königreichs. Friedrich war all das – und zog dabei den Zorn des Papsttums auf sich wie kein anderer Herrscher seiner Zeit.

2. Kindheit in Sizilien: Waise, König und Mündel des Papstes

Friedrich wurde am 26. Dezember 1194 in Jesi bei Ancona geboren – unter ungewöhnlichen Umständen, denn seine Mutter Konstanze war damals bereits 40 Jahre alt, für das Mittelalter ein ungewöhnlich hohes Alter für eine erstgebärende Frau. Um jeden Zweifel an der legitimen Abstammung des Kindes zu zerstreuen, soll Konstanze die Geburt öffentlich in einem Zelt auf dem Marktplatz vollzogen haben, wobei Bischöfe und Würdenträger als Zeugen zugegen waren – eine Geschichte, die möglicherweise legendenhaft ausgeschmückt wurde, aber die politische Brisanz der Geburt illustriert.

Sein Vater, Kaiser Heinrich VI., starb bereits 1197, als Friedrich drei Jahre alt war. Seine Mutter folgte ihm 1198, ebenfalls im gleichen Jahr. Friedrich blieb als vierjähriges Kind allein auf Sizilien zurück, formal König eines Reiches, das er kaum verstehen konnte, umgeben von rivalisierenden Mächten: staufischen Beamten, päpstlichen Legaten und Heerführern, die alle um Einfluss auf das Kind stritten. Papst Innozenz III. übernahm die Vormundschaft über den jungen Friedrich und sicherte damit den päpstlichen Einfluss auf das Königreich Sizilien.

Die Jahre zwischen dem Tod seiner Eltern und seinem Aufstieg zur eigenen Macht waren für Friedrich turbulent und prägend zugleich. In Palermo aufgewachsen, streifte er zeitweise unbeaufsichtigt durch die Straßen der Stadt, die das multikulturelle Zentrum der westlichen Welt war: eine Stadt, in der Arabisch, Griechisch und Latein gleichermaßen gesprochen wurden, in der christliche Kirchen neben Moscheen standen und in der das intellektuelle Erbe der arabischen Wissenschaft mit der normannischen Verwaltungskultur und der griechisch-byzantinischen Tradition zusammenfloss. Diese Kindheit prägte Friedrich tiefer als jede spätere Erziehung.

Friedrich wuchs in Palermo auf wie ein Waisenkind der Geschichte – und wurde doch zu ihrem Staunen. Was ihn formte, war nicht der Unterricht, sondern die Straße: die Straße Palermos, auf der drei Zivilisationen sich täglich begegneten.

3. Das Königreich Sizilien: Normannen, Araber und Griechen

Das Königreich Sizilien, das Friedrich erbte, war eines der bemerkenswertesten politischen Gebilde des Mittelalters. Gegründet von den Normannen im 11. Jahrhundert, nachdem Robert Guiscard und seine Brüder die Araber und Byzantiner von der Insel vertrieben hatten, war es ein Staat, der die arabische Verwaltungskultur, die griechisch-byzantinische Rechtstradition und die normannische Feudalordnung zu einer einzigartigen Synthese verschmolz. Arabische Beamte dienten normannischen Königen. Griechische Mönche kopierten arabische Wissenschaftstexte. Arabische Geographen, darunter der berühmte Muhammad al-Idrisi, arbeiteten am Hof Roger II. und erstellten die bedeutendste Weltkarte des 12. Jahrhunderts.

Als Friedrich dieses Erbe antrat, war das Königreich Sizilien nicht nur die Insel Sizilien selbst, sondern umfasste auch das gesamte südliche Festland Italiens – die Region, die heute als Kampanien, Apulien, Basilicata und Kalabrien bekannt ist. Diese Region, im Mittelalter als Apulien oder Terra d’Otranto bezeichnet, war für Friedrich das eigentliche Herzland seiner Macht. Er verbrachte mehr Zeit in Apulien, in Foggia und in seiner riesigen Jagdburg Castel del Monte, als in Palermo. Der Begriff Puer Apuliae – Kind Apuliens – bezeichnet Friedrich treffender als irgendein anderes Attribut.

Sardinien war formal ebenfalls Teil des normannischen Erbes, wenn auch die faktische Kontrolle über die Insel stets umstritten war. Friedrich versuchte, seinen Einfluss auf Sardinien durch dynastische Politik zu sichern, indem er seinen illegitimen Sohn Enzio 1238 zum König von Sardinien und Korsika ernannte – was den Papst erzürnte, der seinerseits Ansprüche auf die Insel erhob. Enzio wurde 1249 von den Bolognesen gefangen genommen und verbrachte die letzten 23 Jahre seines Lebens in Haft in Bologna, ohne dass Friedrich ihn je befreien konnte – ein persönlicher Schmerz, der die letzten Jahre des Kaisers überschattete.

4. Aufstieg zur Kaiserwürde: von Palermo nach Aachen

Der Weg Friedrichs zur Kaiserwürde war eine der spektakulärsten politischen Karrieren des Mittelalters. 1212, mit 18 Jahren, überquerte er die Alpen nahezu ohne Geld und Gefolge, um die deutschen Fürsten für sich zu gewinnen. Der amtierende Kaiser Otto IV. war ins Visier des Papstes und der französischen Krone geraten, und Friedrich nutzte diese Gelegenheit mit einer Kühnheit, die die Zeitgenossen verblüffte. Mit geliehenen Mitteln aus französischen Quellen reiste er von Italien nach Deutschland und gewann Fürst für Fürst für sich, bis Otto IV. 1214 in der entscheidenden Schlacht bei Bouvines eine vernichtende Niederlage gegen das französische Heer erlitt.

Am 25. Juli 1215 ließ sich Friedrich in Aachen, dem traditionellen Krönungsort der deutschen Könige, vom Mainzer Erzbischof erneut krönen. Noch am selben Tag verpflichtete er sich öffentlich zu einem Kreuzzug – ein Versprechen, das er zwar 13 Jahre lang hinzögerte, schließlich aber auf eine Weise einlöste, die niemand erwartet hatte. 1220 krönte Papst Honorius III. Friedrich in Rom zum Kaiser des Heiligen Römischen Reiches – ein Amt, das er bis zu seinem Tod 1250 innehielt.

5. Der Hof von Palermo: ein Musenhof zwischen Orient und Okzident

Friedrichs Hof in Palermo und in seinen apulischen Residenzen war das intellektuellste und kosmopolitischste Zentrum des 13. Jahrhunderts in Europa. Hier trafen arabische Gelehrte, jüdische Philosophen, griechische Naturwissenschaftler und lateinische Dichter zusammen und tauschten Wissen in einem Maße aus, das in Nordeuropa unvorstellbar war. Friedrich selbst trieb die Diskussionen aktiv voran: Er schickte philosophische Fragen an die bedeutendsten Gelehrten der islamischen Welt, darunter Ibn Sab’in in Marokko und Fakhr ad-Din ar-Razi, und erwartete ernsthafte wissenschaftliche Antworten.

Am Hof entstand unter Friedrichs Förderung die Sizilianische Dichterschule, der erste Kreis von Dichtern, der konsequent in einer romanischen Volkssprache – dem Sizilianischen – schrieb statt in Latein. Die lyrischen Formen dieser Schule, insbesondere das Sonett, wurden von Dante Alighieri und Francesco Petrarca übernommen und damit zur Grundlage der gesamten europäischen Liebeslyrik. Ohne Friedrich II. und seinen Hof in Palermo hätte die Geschichte der europäischen Literatur einen anderen Verlauf genommen. Dante selbst ehrte Friedrich im Divina Commedia als einen der größten Herrscher seiner Zeit.

Zur Ausstattung des kaiserlichen Hofes gehörte auch eine Menagerie, die Friedrich überallhin mitführte: Elefanten, Giraffen, Luchse, Geparde, Eisbären, Papageien und exotische Vögel aus aller Welt, Geschenke von Sultanen und Königen. Diese Menagerie war nicht nur ein Repräsentationsmittel, sondern auch eine wissenschaftliche Forschungssammlung – Friedrich beobachtete die Tiere, ließ sie von seinen Hofgelehrten beschreiben und integrierte seine Beobachtungen in das Falkenbuch.

6. Der Kreuzzug ohne Schwertstreich: Jerusalem durch Verhandlung

Der sechste Kreuzzug von 1228/29 ist das vielleicht erstaunlichste Ereignis in einer Biographie voller erstaunlicher Ereignisse. Friedrich war zum Zeitpunkt seiner Abfahrt exkommuniziert – der Papst hatte ihn aus der Kirche ausgeschlossen, weil er den Kreuzzug zu lange hinausgezögert hatte. Es war in der gesamten Geschichte des Mittelalters noch nie vorgekommen, dass ein gebannter Herrscher ins Heilige Land aufbrach. Der Patriarch von Jerusalem verweigerte Friedrich den Zutritt zur Grabeskirche.

Statt einer militärischen Offensive verhandelte Friedrich direkt mit Sultan al-Kamil von Ägypten, mit dem ihn eine persönliche Beziehung verband. Die beiden Männer hatten Gesandte ausgetauscht, philosophische Fragen diskutiert und gegenseitigen Respekt entwickelt – in einer Zeit, in der Christen und Muslime in Europa und im Heiligen Land als Erzfeinde galten. Das Ergebnis war der Vertrag von Jaffa (1229): Jerusalem, Bethlehem und Nazareth wurden für zehn Jahre, zehn Monate und zehn Tage an die Christen übergegeben, die Muslime behielten den Tempelberg mit der Al-Aqsa-Moschee und dem Felsendom.

Am 18. März 1229 krönte Friedrich sich selbst in der Grabeskirche zum König von Jerusalem – da kein Kirchenmann bereit war, einen Exkommunizierten zu krönen. Es war eine außerordentlich symbolische Handlung: der erste Herrscher seit dem Fall Jerusalems 1187, der die Heilige Stadt zurückgewann – und er tat es ohne Schwertstreich, durch Verhandlung mit dem Feind. In Europa war die Reaktion gespalten: Viele bewunderten den Erfolg, andere verurteilten die Kooperation mit dem Sultan als Verrat.

Als Friedrich II. Jerusalem ohne Kampf zurückgewann, hatte er als erster Kreuzfahrer verstanden, was seine Vorgänger nie begriffen hatten: dass der Islam keine Schwäche kennt, die man militärisch ausnutzen kann, aber sehr wohl eine Vernunft, mit der man reden kann.

7. Das Falkenbuch: De arte venandi cum avibus

Das Falkenbuch – lateinisch De arte venandi cum avibus, auf Deutsch Über die Kunst, mit Vögeln zu jagen – ist Friedrichs persönlichstes und intellektuell bedeutendstes Werk. Zwischen 1241 und 1248 entstanden, ist es das erste wissenschaftliche ornithologische Werk der Geschichte und zugleich das erste Werk der abendländischen Wissenschaft, das systematisch Beobachtung über Autorität stellt – ein proto-empirischer Ansatz, der der Wissenschaft der Renaissance vorgreift.

Inhalt und Aufbau

Das Werk umfasst in seiner erhaltenen Fassung sechs Bücher. Das erste Buch widmet sich einer allgemeinen Einführung in die Vogelkunde: Anatomie, Flugmechanik, Brutverhalten, Migration und Ernährungsgewohnheiten von mehr als einhundert Vogelarten werden beschrieben, wobei Friedrich ausdrücklich betont, nicht alles zu glauben, was Aristoteles über Vögel schrieb, sondern nur das, was er selbst durch Beobachtung bestätigen konnte. Das ist eine revolutionäre erkenntnistheoretische Aussage für das 13. Jahrhundert, in dem die Autorität des Aristoteles für die Gelehrtenwelt nahezu unantastbar war.

Die folgenden Bücher beschreiben Fang und Zähmung von Falken, Dressurmethoden, die Verwendung der Falkenhaube – die Friedrich während des Kreuzzuges bei arabischen Falknern kennengelernt hatte und als bedeutende Verbesserung gegenüber dem damals in Europa verbreiteten Zunähen der Augenlider erkannte –, sowie die eigentliche Jagdpraxis. Die über 900 Illustrationen in der erhaltenen Manfred-Abschrift zeigen mehr als 80 Vogelarten mit einer naturalistischen Genauigkeit, die bis zur Renaissance in der europäischen Buchmalerei beispiellos blieb.

Wissenschaftliche Experimente

Besonders bemerkenswert sind die Experimente, die Friedrich im Falkenbuch beschreibt und die nicht der Jagdpraxis dienen, sondern dem Erkenntnisgewinn. Um zu klären, ob Falken ihre Beute mit dem Geruchssinn oder mit den Augen wahrnehmen, ließ er einem Falken die Augen vernähen und beobachtete, dass der Vogel ohne Sehvermögen kein Fleisch mehr finden konnte – ein Hinweis auf die visuelle Jagdstrategie der Greifvögel. Ein anderer Versuch sollte klären, ob Straußeneier durch die Sonnenwärme ausgebrütet werden können oder ob die Straußenmutter aktiv brüten muss. Diese Versuche sind methodisch rudimentär, aber im Geist proto-wissenschaftlich: Es geht um das Experiment als Erkenntnismethode.

Überlieferung und Verbleib

Friedrichs Originalmanuskript, das um 1240 entstanden sein soll, ist verloren. Erhalten ist die Abschrift, die sein Sohn Manfred, König von Sizilien von 1258 bis 1266, nach dem Vorbild des väterlichen Werkes anfertigen ließ und mit eigenen Ergänzungen versah. Diese Manfred-Handschrift liegt heute in der Bibliotheca Apostolica Vaticana (Cod. Pal. Lat. 1071) und wurde 1969 in einem aufwendigen Faksimile veröffentlicht. Eine zweite bedeutende Handschrift, die möglicherweise Teile des Original-Werks bewahrt, befindet sich in der Universitätsbibliothek Bologna (Ms. 717).

Das Falkenbuch heute

Das Falkenbuch Friedrichs II. ist in mehreren wissenschaftlichen Editionen zugänglich. Eine reich illustrierte Faksimile-Ausgabe nach der Vatikanischen Handschrift ist über spezialisierte Antiquariate erhältlich. Inhaltlich gilt das Werk bis heute als Standardreferenz für die mittelalterliche Falknerei und als Meilenstein der Geschichte der Naturwissenschaft.

8. Konstitutionen von Melfi: die erste weltliche Rechtskodifikation

1231 erließ Friedrich in Melfi, einer Stadt in Apulien, die Liber Augustalis, bekannt als Konstitutionen von Melfi – die erste weltliche Rechtskodifikation des Mittelalters. Dieses Gesetzeswerk fasste das Recht des Königreichs Sizilien in einem systematischen Kanon zusammen und setzte damit einen Maßstab für staatliche Rechtsordnung, der weit über das Mittelalter hinausstrahlte.

Die Konstitutionen waren in mehrfacher Hinsicht revolutionär: Sie galten für alle Bewohner des Königreichs unabhängig von ihrer Religion oder ethnischen Herkunft – Christen, Muslime und Juden gleichermaßen. Sie kodifizierten erstmals einheitliche Gerichtsverfahren und beschränkten die willkürliche Macht der Feudalherren. Sie enthielten Regelungen zum Schutz von Witwen und Waisen. Und sie erhoben den König zum alleinigen Gesetzgeber, ohne päpstliche oder kirchliche Mitwirkung – ein deutlicher Schritt in Richtung einer Unterscheidung von weltlicher und geistlicher Macht, die das Denken der frühen Neuzeit prägen sollte.

9. Castel del Monte und die Bauten Friedrichs

Friedrich II. war ein leidenschaftlicher Bauherr, der in ganz Süditalien und Sizilien ein Netz von Kastellen, Jagdschlössern und Residenzbauten errichtete, die noch heute die Landschaft Apuliens prägen. Das bedeutendste und rätselhafteste dieser Bauwerke ist das Castel del Monte, das seit 1996 auf der UNESCO-Welterbeliste steht.

Castel del Monte – Geometrie als Herrschaftsanspruch

Das Castel del Monte, um 1240 auf einem Hügel in Apulien errichtet, ist ein Oktagon, umgeben von acht oktogonalen Türmen – eine mathematische Präzision, die in der mittelalterlichen Burgenarchitektur einzigartig ist. Die Zahl Acht war im islamischen und byzantinischen Symbolsystem mit der Vermittlung zwischen Himmel und Erde verbunden, und Friedrich kannte beide Traditionen bestens. Ob das Castel del Monte eine Residenz, eine Jagdburg, ein astronomisches Instrument oder ein Symbol imperialer Macht war – Historiker streiten bis heute darüber. Sicher ist, dass es kein militärisches Bollwerk war: Es fehlen typische Verteidigungsanlagen wie Zugbrücke, Graben oder Schießscharten in ausreichender Zahl.

Das Innere zeigt Marmoreinfassungen, Kapitelle und Ornamente, die arabische, byzantinische und frühgotische Stilelemente vereinen – ein architektonisches Abbild von Friedrichs eigenem kulturellen Selbstverständnis. Castel del Monte ist heute das bekannteste Bauwerk Apuliens und erscheint auf der Rückseite des italienischen 1-Cent-Stücks.

Weitere bedeutende Bauten

  • Castel Maniace, Syrakus (Sizilien): Imposante Stauferburg auf einer Halbinsel, errichtet nach 1232.
  • Castel Ursino, Catania (Sizilien): Burgbau um 1239–1250, heute Museum.
  • Kaiserpalast Foggia: Hauptresidenz Friedrichs auf dem Festland; im Erdbeben von 1731 zerstört, nur Fragmente erhalten.
  • Augustalis-Goldmünze: Friedrich ließ ab 1231 eine neue Goldmünze prägen, den Augustalis, mit seinem eigenen naturalistischen Porträt – die erste realistische Herrscherdarstellung auf europäischen Münzen seit der Antike.

10. Der Kampf mit dem Papsttum: Exkommunikation und Kirchenbann

Kein Aspekt von Friedrichs Biographie war so prägend und so dramatisch wie sein lebenslanger Konflikt mit dem Papsttum. Friedrich wurde dreimal exkommuniziert, zweimal von Papst Gregor IX. und einmal von Papst Innozenz IV. – ein Rekord, der in der Geschichte des Kaisertums einzigartig ist.

Die erste Exkommunikation 1227 erfolgte wegen der wiederholten Verschiebung des Kreuzzuges, den Friedrich 1215 versprochen hatte. Die zweite Exkommunikation 1239 war Teil eines umfassenden Konflikts um die Machtverteilung in Italien, in dem Friedrich versuchte, päpstlichen Einfluss in Norditalien zurückzudrängen. Gregor IX. bezeichnete Friedrich in einem Rundschreiben an alle Bischöfe der Christenheit als Antichrist und Bestie der Apokalypse. Friedrich antwortete mit einem ebenso fulminanten Brief, in dem er die Habgier und Machtgier des Papsttums geißelte.

Innozenz IV., der 1245 auf dem Konzil von Lyon Friedrich als Ketzer und Mörder verurteilte und zur Neuwahl eines deutschen Königs aufrief, eskalierte den Konflikt ins Grundsätzliche: Es ging nicht mehr nur um politische Macht, sondern um die Frage, ob ein Kaiser ohne die Zustimmung des Papstes regieren konnte. Friedrich antwortete mit einer Schrift, in der er die weltliche Macht der Kirche grundsätzlich in Frage stellte – ein Argument, das 250 Jahre später Martin Luther radikaler wiederholen sollte.

11. Sardinien und die Herrschaft über das westliche Mittelmeer

Sardinien spielte in Friedrichs Herrschaftskalkül eine wichtige, aber chronisch unsichere Rolle. Die Insel war formal Teil des normannischen Erbes seiner Mutter, aber faktisch seit Jahrhunderten zwischen lokalen sardischen Richtern (Giudicati), pisanischen und genuesischen Händlerrepubliken und päpstlichen Ansprüchen aufgeteilt. Friedrich versuchte, klare Verhältnisse zu schaffen, indem er seinen Lieblingssohn Enzio 1238 zur Heirat mit Adelasia, der Erbin des Giudicato di Torres, zwang und ihn zum König von Sardinien und Korsika ausrief.

Diese Ernennung provozierte sofort den Papst, der eigene Lehnsherrschaft über Sardinien beanspruchte. Sie war eines der Motive für die zweite Exkommunikation Friedrichs im Jahr 1239. Enzio, der charmanteste und beliebteste der kaiserlichen Söhne, führte lange Jahre Krieg in Norditalien für seinen Vater, wurde aber 1249 in der Seeschlacht von Fossalta von den Truppen Bolognas gefangen genommen. Die Bürger von Bologna hielten ihn die nächsten 23 Jahre in goldener Gefangenschaft, weigerten sich trotz immenser Lösegeldsummen, ihn freizulassen – und Enzio starb 1272, 22 Jahre nach seinem Vater, noch immer als Gefangener.

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12. Friedrichs Persönlichkeit: Wissenschaftler, Dichter, Despot

Friedrich II. war eine der komplexesten Herrscherpersönlichkeiten der Geschichte, und jeder Versuch, ihn auf einen Aspekt zu reduzieren, greift zu kurz. Er war gleichzeitig: ein leidenschaftlicher Empiriker und Naturwissenschaftler, der aristotelische Autoritäten infrage stellte; ein feinsinniger Dichter, der selbst in der Volkssprache dichtete; ein brillanter Verwaltungsreformer und Gesetzgeber; ein diplomatisch geschickter Staatsmann; und ein gelegentlich brutaler Despot, der politische Gegner ohne Zögern verfolgte und bestrafen ließ.

Er ließ einen Gefangenen lebendig einmauern, um zu beobachten, wie schnell die Seele ohne sichtbaren Ausweg den Körper verlässt – eine makabere Variante des empirischen Experimentes. Er verordnete, Andersdenkende durch Ausstechen der Augen und Abschneiden der Zunge zu bestrafen. Er führte Kriege mit großer Härte. Und er sprach sechs Sprachen, schrieb Gedichte und Wissenschaftsbücher, führte philosophische Briefwechsel mit arabischen Gelehrten und unterhielt eine Menagerie, die er liebevoll beobachtete und im Falkenbuch beschrieb.

Diese Widersprüche machten Friedrich zu einem Rätsel für seine Zeitgenossen und zu einem Faszinosum für die Nachwelt. Der Historiker Ernst Kantorowicz, der 1927 eine bahnbrechende Biographie über Friedrich schrieb, nannte ihn den ersten modernen Menschen auf dem Thron. Kantorowicz‘ Buch ist bis heute die leidenschaftlichste und umstrittenste Darstellung Friedrichs – überschwänglich in seiner Bewunderung, aber unübertroffen in seiner Tiefe.

13. Das Ende der Staufer: Nachfolger und Untergang

Friedrich II. starb am 13. Dezember 1250 überraschend auf der Burg Fiorentino bei Lucera in Apulien, möglicherweise an einem Fieber, möglicherweise an Dysenterie. Er wurde im Dom von Palermo bestattet, in einem prächtigen roten Porphyrsarkophag, der noch heute dort zu sehen ist.

Sein Tod läutete das Ende des Stauferhauses ein. Sein Sohn Konrad IV., der ihn im Reich beerbte, starb bereits 1254. Manfred, der illegitime Sohn, der Sizilien regierte und das Falkenbuch vollendete, fiel 1266 in der Schlacht bei Benevent gegen Karl von Anjou, dem vom Papst eingesetzten Gegenkönig. Konradin, Konrads Sohn und letzter Staufer, versuchte 1268 das sizilianische Erbe zurückzugewinnen, wurde nach der Niederlage bei Tagliacozzo in Neapel öffentlich hingerichtet. Der Henker hob das abgeschlagene Haupt des jungen Mannes der Menge entgegen – und damit endete das Haus der Hohenstaufen.

Der Untergang der Staufer hinterließ ein politisches Vakuum in Mitteleuropa, das für Jahrzehnte anhielt. Das Heilige Römische Reich zersplitterte in Fürstentümer, die Reichsgewalt schwächte sich dauerhaft ab, und Italien blieb politisch fragmentiert – ein Ergebnis des staufisch-päpstlichen Konflikts, der das Land in Guelfenpartei (pro-päpstlich) und Ghibellinenpartei (pro-Kaiser) gespalten hatte.

14. Das Erbe Friedrichs II.: was bis heute nachwirkt

Das Erbe Friedrichs II. ist außergewöhnlich weit gestreut und reicht in Bereiche, die weit über die mittelalterliche Geschichte hinausgehen.

  • Literatur: Die Sizilianische Dichterschule begründete die Tradition der europäischen Liebeslyrik in romanischen Volkssprachen. Das Sonett, die bedeutendste lyrische Form der europäischen Dichtung, wurde am Hof Friedrichs entwickelt und von Dante und Petrarca zur Vollendung gebracht.
  • Wissenschaft: Das Falkenbuch ist das erste naturwissenschaftliche Werk des Abendlandes, das Beobachtung über Autorität stellt. Sein Geist anticipiert Francis Bacon und die Wissenschaftliche Revolution um 400 Jahre.
  • Recht: Die Konstitutionen von Melfi, die erste weltliche Rechtskodifikation des Mittelalters, legten Grundlagen für eine von der Kirche unabhängige staatliche Rechtsordnung.
  • Architektur: Das Castel del Monte, heute UNESCO-Welterbe, ist eines der rätselhaftesten und originellsten Bauwerke des europäischen Mittelalters.
  • Interreligiöser Dialog: Friedrichs Freundschaft mit Sultan al-Kamil und seine diplomatische Rückgewinnung Jerusalems sind das früheste Beispiel eines erfolgreichen interreligiösen politischen Dialogs in der Geschichte des Abendlandes.
  • Staatstheorie: Friedrichs Auffassung der weltlichen Macht als unabhängig von päpstlicher Autorität anticipiert die Staatstheorie Machiavellis und die Reformation.

Friedrich II. starb 1250, aber er hat das europäische Mittelalter überlebt. Wer heute im Dom von Palermo vor seinem roten Porphyrsarkophag steht, steht vor dem Grab eines Mannes, der sechs Sprachen sprach, einen Kreuzzug ohne Schwertstreich gewann, das erste wissenschaftliche Vogelbuch der Geschichte schrieb, Jerusalem diplomatisch zurückgewann und den Grundstein für die europäische Liebeslyrik legte – und der für all das dreimal aus der Kirche ausgeschlossen wurde. Das Mittelalter hat ihn nicht verstanden. Die Nachwelt kann ihn kaum fassen. Das macht ihn unsterblich.